Die deutsch-französische Freundschaft – ein gemeinsamer Notenschlüssel

21.09.2020

Die ersten Takte des Duos „Roussas (Auvergne-Rhône-Alpes)/Stuttgart (Baden-Württemberg)“ wurden 1989 geschrieben, als ein deutscher Bratscher das französische Dörfchen Roussas entdeckt und Freunde und Kolleg*innen zu musikalischen Sommerferien einlädt. Heute, 30 Jahre später, folgt es einem präzisen Rhythmus: Die Musiker*innen aus Deutschland reisen nach Südfrankreich für eine deutsch-französische Probenwoche und Konzerte vor Ort. Wie hält diese Initiative die grenzüberschreitenden Beziehungen aufrecht?

Die Musikbegegnung 2020 der Académie Provençale des Amis de Stuttgart wurde vom Bürgerfonds gefördert.

 

1 - Vor wenigen Wochen ist Ihre 29. deutsch-französischen Musikbegegnung zu Ende gegangen – in diesem von der Covid-19-Pandemie geprägten Jahr unter ganz besonderen Bedingungen. Wie hat die Coronakrise Ihre Arbeit, Kontaktpflege und Begegnung beeinflusst?

Hauptsächlich lernen wir uns durch unsere Konzerte kennen, aber wir streben auch danach, durch die deutsch-französische Freundschaft Verbindungen zwischen jungen Virtuos*innen zu schaffen. Als wir mitten in den Kontaktbeschränkungen steckten, hat unser Verwaltungsrat einstimmig beschlossen, die jungen Musiker*innen und ihre Familien einzuladen – so wie jedes Jahr und koste es, was es wolle.

Wir haben uns dafür entschieden, durchzuhalten.

Unsere Mitglieder haben diese mutige und bewusst optimistische Entscheidung begrüßt und vor allem die Musiker*innen haben sich sehr darüber gefreut, nach den langen Monaten eingeschränkter Kontakte miteinander spielen zu können.

Wir haben vier Konzerte von hoher Qualität gegeben. Aber natürlich hat sich das Publikum halbiert – umso wichtiger war es für uns, auf die finanzielle Förderung des Deutsch-Französischen Bürgerfonds zählen zu können.

 

2 - Wie haben Sie es geschafft, diesen Austausch über die Jahre zu etablieren?

Stanislas Bogucz, Erster Bratscher im Kammerorchester Stuttgart, hatte in der französischen Kommune Roussas (Auvergne-Rhône-Alpes) ein Haus für seine Familie gekauft und er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, den Sommer über junge talentierte Musiker*innen einzuladen, die er auf seinen weltweiten Tourneen getroffen hatte. Mit dieser Initiative, die deutsch-französische Freundschaft und Generationenaustausch verband, fing alles an.

Nach dem Tod Stanislas‘ wollten die ehrenamtlich Engagierten, die die Sommerwochen und die Konzerte organisierten, diese Tradition im Rahmen eines Vereins weiterführen. Heute hat Pierre Morel, ehemaliger französischer Botschafter, den Vorsitz. Die künstlerische Leitung liegt bei der deutsch-französischen Pianistin Frauke Flachaire de Roustan.

Das Besondere an unserem Musiksommer fasst Carola Eva-Richter, Geigerin und Mitglied der künstlerischen Leitung, so zusammen:

„Wenn man in Ruhe, aber sehr intensiv sein Instrument üben und viel Kammermusik machen möchte, ist dieser Rahmen einfach ideal.“

 

3 - Musik zu machen, das bedeutet auch, einander zuzuhören und sich anzupassen. Fallen Ihnen manchmal musikalische oder kulturelle Unterschiede auf – von Verständigungsschwierigkeiten ganz zu schweigen – und wie gehen Sie damit um?

Wir laden immer etwa 30 Personen ein, rund 20 davon sind Musiker*innen aus Deutschland und Frankreich. Alle sind frankophil und die meisten sprechen auch Französisch. Die Teilnehmenden aus Frankreich und anderen europäischen Ländern haben einen Teil ihrer Ausbildung in Deutschland absolviert, manche spielen auch in deutschen Orchestern.

Es gibt also eine echte Symbiose und überhaupt keine Sprachschwierigkeiten.

Die deutsch-französische Freundschaft ist gewissermaßen unser gemeinsamer Notenschlüssel.

 

4 - Durch Ihre Konzerte erreicht dieses deutsch-französische Projekt auch ein breiteres Publikum. Welche Reaktionen erleben Sie?

Oft ist das Publikum fasziniert von der Virtuosität und bewegt von dem so eingeschworenen Zusammenspiel und der Freude, die die Musiker*innen ausstrahlen. Jede*r Zuschauer*in geht mit einem wertvollen, symbolischen Bild nach Hause: das Bild einer Jugend, verbunden durch die Schönheit der Musik.

Unterschiede werden in der Musik gefeiert und überwunden.

Auch außerhalb der Konzerte bemühen sich unsere Ehrenamtlichen, mit den Musiker*innen Kontakt zu halten und Begegnungen zu schaffen, aber hier können wir uns noch verbessern. Dieses Jahr hat uns die Unterstützung des Bürgerfonds motiviert, noch mehr in diese Richtung zu gehen und gerade bereiten wir zwei, drei große Aktionen für 2021 vor – unseren 30. Geburtstag.

 

5 - Und zum Schluss: Welchen musikalischen Tipp geben Sie unseren Leser*innen?

Pierre Morel sagte einmal: „Unsere Akademie schafft musikalische Verbindungen: Momente der Schönheit, des gemeinsamen Erlebens, des Entdeckens. So leistet sie in unseren Dörfern einen kleinen Beitrag zum Frieden auf unserem Kontinent.“


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