Eine Bewegung sagt mehr als tausend Worte

15.09.2020

Ein kollektiv getanztes Tagebuch – das ist das Projekt Freiluftzimmer von Kathi und Ludovic Fourest. Im Interview erklärt das Choreografen-Paar, wie Tanz deutsch-französische Verständigung schafft und welche Botschaft sie mit ihrem Projekt senden wollen.

Das Projekt „Freiluftzimmer“ wurde mit Unterstützung des Bürgerfonds in Potsdam, Toulouse und Foix durchgeführt. Videos der verschiedenen Tanzperformances finden Sie unter freiluftzimmer.eu.

 

1 - Mit Ihrem Projekt „Freiluftzimmer“ haben Sie einen Raum geschaffen, in dem Menschen sich selbst tänzerisch auszudrücken und ihre Performance mit anderen teilen konnten. Woher kam die Idee und wie ist ihr Fazit nach der Tournee Potsdam-Toulouse Foix?

Das Ideenmaterial für das Freiluftzimmer hat sich im Kontext unserer tänzerischen und partizipativen Forschung mit Tänzern jeden Alters, in den letzten Jahre stetig entwickelt. Zum einen aus dem Spiel mit Seilen und Laken, auch in verschiedenen Installationen im Saal oder im Freien. Zum anderen aus der jahrelangen Arbeit mit einer Gruppe Kinder, dann Jugendlicher, zum Thema Zimmer, der eigene Raum, mit Gestaltung, Intimität, Träumen und Wünschen und als Rückzugsort. Diese Zimmer der Jugendlichen haben wir als Soli bereits mehrfach in Potsdam, in Foix und Lavelanet öffentlich aufgeführt und entwickeln diese zu verschiedenen Zeitpunkten weiter. So entsteht eine persönliche Spur der Lebensgeschichte und diese Idee, eine Spur zu legen, hat dann auch zum Freiluftzimmer geführt.

Es ist ein wichtiges Signal, zu erleben: Wir können neue Formen und Räume schaffen, für Leben, Begegnung und Tanz.

Das Freiluftzimmer ist in seiner besonderen Form ein kollektives Tagebuch und spiegelt durch die unterschiedlichen intergenerativen Einblicke ein sehr vielfältiges Gesamtbild als gesellschaftliche Momentaufnahme. Gleichzeitig legt es eine chronologische Spur und wir denken, dass sich mit der Zeit auch der gesellschaftliche Wandel und Ereignisse darin spiegeln werden. Die Corona Pandemie hat uns die notwendige Zeit gegeben, das Projekt Realität werden zu lassen. Und ist außerdem ein gesellschaftliches so einschneidendes Ereignis, dass es uns wichtig erschien, sofort mit dem Projekt zu starten. Wir sehen das Freiluftzimmer aber nicht als ein „Corona Projekt“, es ist über lange Zeiträume gewachsen und wir wünschen uns sehr, damit noch viele Orte besuchen zu können, insbesondere auch außerhalb Europas. Wir denken, dass es ein sehr wichtiges Signal ist, insbesondere für alle Heranwachsenden, zu erleben, dass Leben sich verändert und wir in der Lage sind, neue Formen und Räume zu schaffen, für Leben, Begegnung und Tanz.

 

freiluftzimmer

 

2 - Es gehört eine Portion Mut und Kreativität dazu, sich in diesen vier luftigen Wänden auszutoben. Woher nehmen Sie Ihren Mut und Ihre Kreativität für derlei Projekte?

Die konkrete Erfahrung im Freiluftzimmer ist ein individuelles Erlebnis, und gleichzeitig wird man durch die Bereitschaft etwas Persönliches zu teilen Teil eines Kollektivs. Diese Erfahrung auf zwei Ebenen erscheint uns sehr wesentlich und hat auch Menschen bewegt ein Zimmer zu teilen, obwohl sie gar nicht gern im Mittelpunkt stehen oder glauben, nichts besonderes zeigen zu können.

Tanz beginnt in unseren Augen bereits in den kleinsten Bewegungen, der Schönheit einer Haltung, einer Bewegung mit Bewusstsein und Präsenz. In einem Zimmer aus Toulouse ruhen sich zwei ältere Frauen aus und unterhalten sich. Obwohl sie eigentlich nur liegen und reden, entsteht ein Gesamteindruck der sehr friedlich ist, die Sonne scheint, sie liegen im Schatten und die besondere Freundschaft der beiden, wird greifbar. Dadurch, dass sie es eine Minute lang bewusst mit uns teilen, wird es besonders und ein Geschenk für jeden, der es sieht.

Teil eines Ganzen zu sein, Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erleben, gibt Hoffnung und den Mut, selbst etwas zu bewirken.

Teil eines Ganzen zu sein, Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erleben, gibt Hoffnung und den Mut, selbst etwas zu bewirken. Wir hören immer wieder, wie berührt Menschen von den Zimmern anderer sind, wie sie sich wiederfinden und bewegt sind über diese Schnittstelle – obwohl sie ja eigentlich ganz fremden Menschen, auch aus anderen Ländern, zuschauen. Dieser universelle Aspekt im Mensch sein ist in unseren Augen ein Wunder und dafür eine Sichtbarkeit zu schaffen, ist unsere größte Motivation.

 

3 - Sie haben bereits mehrfach deutsch-französische Tanzworkshops angeboten. Was schafft Tanz, was andere Aktivitäten nicht können? Und wie bereichert die deutsch-französische Atmosphäre wiederum die Choreografien?

Ein Schwerpunkt unserer tänzerischen Arbeit liegt darauf, dass die Teilnehmenden auf ihr Gespür und ihre Neugierde vertrauen. Die Bewegungen entstehen dann meistens im Zusammenspiel mit anderen. Dank dieser beiden Aspekte wird man offener und lernt, sich auch ohne Worte zu verstehen. Tanz entsteht aus dem Zusammenspiel von Zuhören, Dasein und Interaktion. Und ein Blick oder eine angedeutete Geste sagen manchmal mehr als eine lange Rede.

Bei den Choreografien ist es zum Beispiel interessant, dass Menschen unterschiedlicher Kulturen Anweisungen unterschiedlich interpretieren: Ein Wort löst bei dem einen eine ganz präzise Antwort aus und beim anderen einen mehrbändigen Roman.

Aber es gibt natürlich auch Gemeinsamkeiten: Die Pionier*innen des zeitgenössischen Tanzes im Europa des 20. Jahrhunderts erleichtern uns die Arbeit, denn sie haben Codes eingeführt, die von den nachfolgenden Generationen als geteilte Choreografie-Sprache verstanden werden.

Bei jeder Begegnung werden die Teilnehmenden von einem ganz besonderen Gefühl erfasst. Jede*r spürt die Leidenschaft der anderen. Das schafft Verbindungen.

Bei jeder Begegnung werden die Teilnehmenden von einem ganz besonderen Gefühl erfasst. Jede*r spürt die Leidenschaft der anderen. Das schafft Verbindungen. Wim Wenders, der Tanz (von Pina Bausch) so gut mit der Kamera einfangen konnte: „So fern und doch so nah.“

 

4 - Ludovic, Sie sind in Toulouse geborgen, leben aber seit 20 Jahren in Berlin und Potsdam. Haben Sie manchmal Heimweh – und was hilft dagegen?

Es stimmt: Es kommt immer öfter vor, dass ich mich nach Frankreich sehne. Ich weiß nicht, ob es an der Zeit liegt, die ich nun schon in Deutschland wohne oder daran, dass ich öfter zu meinen Eltern fahre, die nicht mehr so einfach verreisen können; aber ich habe das Bedürfnis, öfter in „meine“ Berge zurückzukehren. Ich sauge den Geruch und die Farben der Wochenmärkte ein, das brauche ich. Und auch das Mittelmeer-Flair ist für mich unersetzbar!

In den letzten Jahren habe ich in der französischen Community in Berlin und Potsdam Kontakte geknüpft; allein schon, sich auf Französisch zu unterhalten, hilft manchmal, seine kulturellen Wurzeln wiederzufinden, die man zeitweise vergessen hat.

Manchmal haben wir fast das Gefühl, mit den Teilnehmenden eine große Familie zu bilden!

Bei unseren deutsch-französischen Austauschbegegnungen genieße ich meine Doppel-Kultur in vollen Zügen und die Tatsache, dass ich mich in verschiedene Personen hineinversetzen kann. Ich entdecke auch meine Heimatregion in neuem Licht und kann bei manchen Projekten sogar meine Familie oder alte Bekanntschaften integrieren. Da unsere Projekte generationsübergreifend sind, haben sie einen sehr familiären Charakter. Manchmal haben wir fast das Gefühl, mit den Teilnehmenden eine große Familie zu bilden!

Dank dieser Brücken zwischen unseren beiden Kulturen können wir gewissermaßen auch unsere sonst unsichtbaren Wurzeln miteinander teilen – und vielleicht sogar neue Horizonte aufzeigen!


Ludovic und Kathi Fourest sind seit 20 Jahren Tanzschaffende in Frankreich und Deutschland und Gründer von Tanzparcours. Tanzparcours ist ein intergeneratives und partizipatives, zeitgenössisches Tanzprojekt mit Aktionsschwerpunkt in Potsdam.