Münster & Orléans: die Geschichte einer (Städte-) Partnerschaft

23.06.2020

Anne-Marie und Onno Klopp sind ein deutsch-französisches Ehepaar: Zusammengeführt hat die beiden ein Städtepartnerschaftsprojekt zwischen Münster und Orléans - fast wie bei Teresa und Benoît aus unserem Video. Geheiratet haben die beiden am 16. April 1968 - auf den Tag genau 52 Jahre vor dem Startschuss des Bürgerfonds!

Doppelter Zufall und Anlass für ein Interview:

 

Chère Anne-Marie, wie haben Sie sich kennengelernt?

Kennengelernt haben wir uns 1965 in Orléans anlässlich eines Seminars über Kommunalpolitik in Münster und Orléans. Ich, damals Germanistikstudentin, übersetzte für die Franzosen und Onno, einer der Münsteraner und damals Rechtsreferendar, sprang spontan als Übersetzer für die Deutschen ein. Beim Gegenbesuch in Deutschland und bei einem meiner Münster-Aufenthalte im Sommer 1966 sahen wir uns wieder. Onno hatte gerade die Zusage für ein Stipendium für ein Universitätsjahr in Paris bekommen – und der Zufall wollte, dass meine Schwester ein Zimmer im. Arrondissement vermietete…

1967, bei einer erneuten Städtepartnerschaftsbegegnung, spielten wir wieder einmal Übersetzer*in – und kamen uns persönlich näher. Im gleichen Jahr erhielt ich eine Stelle als Sprachassistentin in Seitdem lebe ich in Deutschland. Und am 16. April 1968 haben wir geheiratet – ohne ahnen zu können, dass am 16. April 2020 ein Deutsch-Französischer Bürgerfonds gegründet würde, der in einem Präsentationsvideo ein Beispielprojekt zwischen den Partnerstädten Orléans und Münster vorstellen würde…

 

Ihre Hochzeit wurde damals intensiv von der Lokalpresse begleitet. Empfanden Sie Ihre deutsch-französische Ehe damals auch als außergewöhnlich?

Unsere Hochzeit war die Erste zwischen einem Deutschen aus Münster und einer Französin aus Orléans, deswegen wurde sie gewissermaßen auch als Werbemittel für die Städtepartnerschaft verwendet.

Der Bürgermeister Münsters sagte, unsere Heirat zeige, dass „es sich lohne, im Interesse der Völkerverständigung Brücken nicht nur für Diplomaten, sondern auch für die Bürger verschiedener Nationen zu bauen“. Das stimmt auch heute noch. Wenn auch unsere Liebe für uns das Wichtigste war, war uns auch klar, auf unserer Weise zur Völkerverständigung beizutragen.

Für unsere Familien war unsere Beziehung nicht ganz einfach, aber sie haben mit großem Verständnis reagiert. Und da Onno sehr gut Französisch sprach und ich auf Deutsch gut zurechtkam, konnten wir mit unseren Schwiegereltern schnell Kontakte knüpfen.

 

Ist Ihr Alltag deutsch-französisch?

Ja, komplett. Onno und ich, wir sprechen zwar immer Französisch miteinander. Aber als ich in Münster ankam, beschloss ich, mich erst einmal der deutschen Sprache und damit der deutschen Kultur zu widmen. Mittlerweile glaube ich, dass ich eingedeutscht bin.

Aus beruflichen Gründen zogen wir bald nach Düsseldorf, wo Onno in einer internationalen Anwaltskanzlei seine berufliche Laufbahn begann. 1984 schrieb er dann europäische Rechtsgeschichte. Durch ein Urteil des europäischen Gerichtshofs wurde er offiziell sowohl in Deutschland wie auch in Frankreich als Anwalt zugelassen.  Ich stürzte mich sofort in ehrenamtliche Engagements, vor allem bei den Organisationen Amitié des Françaises und Société Philanthropique.

 

Wie hat das Deutsch-Französische Ihren beruflichen bzw. ehrenamtlichen Weg geprägt?

Als unsere Kinder erwachsen waren, wollte ich mich einem neuen Thema widmen: der Kriminologie. Ein paar Semester Jura und eine Ausbildung zur Gesprächsführung hatten mich neugierig gemacht. Also habe ich Kriminologie in Belgien studiert und mit 49 Jahren meinen Abschluss erhalten! Ich wurde Mitarbeiterin beim Katholischen Gefängnisvereinin Düsseldorf und habe das Europäische Forums für angewandte Kriminalpolitik (EFK) mitbegründet.

Anlässlich eines Vortrags über den Umgang mit Angehörigen von Inhaftierten in Europa habe ich 2006 Kontakt zu der französischen Association Nationale des Visiteurs de Prison (ANVP) geknüpft. Sehr schnell haben wir beschlossen, zusammen zu arbeiten. Vertreter*innen aus anderen europäischen Ländern sind dann dazu gekommen. Das Zugpferd EFK und ANVP hat dann mehrfach Fördergelder von der EU, dem Deutsch-Französischen Institut und neuerdings der Stiftung Baden-Württemberg für europäische Projekte bekommen. So konnten wir Themen behandeln, die im öffentlichen Diskurs nicht hoch im Kurs sind; die letzte Tagung Januar 2020 fand zum Thema „Kinder von inhaftierten Eltern“ statt. 

In der deutsch-französischen Zusammenarbeit ist es wichtig, beide Seiten nicht nur miteinander zu vergleichen. Stattdessen sollte man die Unterschiede ergründen und bereit sein, voneinander zu lernen.

 

Woher kommt Ihr beeindruckendes deutsch-französisches Engagement?

Ich komme aus einer sehr engagierten Familie, also ist das für mich selbstverständlich. Ich bin sofort begeistert, wenn ich von neuen Möglichkeiten erfahre und sehe mir das näher an. Auch heute noch. Außerdem finde ich: Ich habe so viel Glück gehabt, ich möchte davon etwas zurückgeben. Gewissermaßen ist das Engagement eine Berufung für uns beide.

 

Welche Rolle könnte der Bürgerfonds für Ihren Verein spielen? 

Der Bürgerfonds könnte uns dabei helfen, eine unserer jährlichen Tagungen zu finanzieren.

 

Stellen Sie sich vor, Sie äßen mit Angela Merkel und Emmanuel Macron zu Abend. Was würden Sie ihnen gerne sagen?

Ich finde, die deutsche und die französische Regierung agieren völlig anders. Ich würde mir wünschen, dass beide erkennen, was sie vom jeweils anderen lernen können. Unsere gemeinsame Vergangenheit lässt uns gar keine andere Wahl: Wir müssen ständig daran arbeiten, uns einander noch weiter anzunähern. Dazu muss man die anderen kennen – und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern durch gegenseitige Begegnungen. Es ist also wichtig, dass junge aber auch ältere Menschen dabei unterstützt werden, zu reisen, im anderen Land zu leben und ihre Nachbarn immer besser kennenzulernen.