„Man muss das Thema Open Data über die Grenze denken.“

20.07.2020

Vertrauen zwischen Zivilgesellschaft & Staat durch Transparenz: Das ist die Idee hinter „Open Government“. Frei zugängliche und nutzbare Daten sind dafür unerlässlich. Aber wie funktioniert Informationsaustausch über Grenzen hinweg? Oliver Rack gibt Einblicke in seine Arbeit und in den deutsch-französischen Workshop, den er mit finanzieller Unterstützung des Bürgerfonds durchgeführt hat.

 

1 - Sie sind Spezialist für Digitalisierung im Bereich Open Government. Können Sie kurz erklären, was darunter zu verstehen ist und welche Rolle digitale Entwicklungen dabei spielen? Was fasziniert Sie an dem Thema?

Open Government ist die Kultur des offenen Regierens und ist eine soziale Innovation, gewissermaßen auch eine Antwort auf eine in den letzten Jahrzehnten stark veränderte Gouvernementalität. Ziel ist es, Wertschätzung und Vertrauen zwischen Zivilgesellschaft und staatlichen Institutionen durch Zusammenarbeit und Transparenz zu stärken.

Anwendungsfelder sind zum Beispiel die Modernisierung der Verwaltung, Evidence-Based Policymaking, bessere Rechtsetzung, Stadtentwicklung und kulturelle Raumentwicklung sowie selbstbestimmte Digitalisierung in Smart Cities bzw. Regions und der „Europäische Weg“.

Mechanismen wie z. B. das globale Kompetenz- und Evaluationsnetzwerk „Open Government Partnership“ unterstützen Stakeholder dabei, Ziele, Kriterien und Abläufe basierend auf OpenGov eine Verfasstheit zu geben, messbar und vergleichbar zu machen und gegen Open-Washing abzusichern.

Open Data ist eines der zentralen Elemente der Transparenz und Zusammenarbeit: sowohl als gemeinsame Informationsgrundlage als auch als Werkstoff, um im Bereich CivicTech gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Auch Werkzeuge der vernetzten Zusammenarbeit, die Teilhabe effizient und transparent ermöglichen, sind ein wichtiger Teil von Open Government. Bevorzugt werden hierzu freie Open Source Lösungen.

Aber auch der digitale Wandel selbst ist ein wichtiges Terrain für Open Government: Die Digitalisierung ist nach europäischem Verständnis eine Res Publica. Sie soll nach europäischen Werten und nachhaltig vollzogen werden und globale Standards setzen. Die Digitalisierung erweitert unsere bisherig verfasste Welt und oft müssen gemeinsame Positionen dazu erst noch gefunden werden.

 

2 - Sie haben im Rahmen des Digitaltags und mit Unterstützung des Bürgerfonds einen deutsch-französischen Onlineworkshop zum Thema „Open Data in der Grenzregion“ veranstaltet. Worum ging dabei? Und wie kam es von der Idee zum Projekt?

Ich bin als Mannheimer insbesondere Strasbourg schon lange verbunden, habe schon länger Freunde in der Kulturszene. 2015 hielt ich in Offenburg einen Vortrag und als ich dabei vom Burda-Hochhaus aus nach Strasbourg auf das Münster blickte, sagte ich mir: „Hier muss man das Thema Open Data gleich über die Grenze denken.“ Nach verschiedenen Sondierungsgesprächen auf beiden Seiten der Grenze initiierte ich bei der Metropolregion Rhein-Neckar die französisch-deutsche Workshop-Reihe „Digitale Grenzregion Oberrhein“.

Eine wesentliche Rolle nimmt dabei meine Kollegin Harmonie Vo Viet Anh vom Strasbourger Hackspace „Hackstub“ ein. Wir lernten uns bei der Konferenz #LabEurope in Strasbourg kennen: Endlich hatte ich ein Pendent auf der französischen Seite gefunden und gemeinsam entwickelten wir „Interlab Rhenanum“.

Aber der Weg dahin war mühsam, die Themen Open Data und Open Government waren noch nicht so en vogue und die Rahmenbedingungen noch nicht geschaffen. Jetzt sind die Erfolgschancen für eine grenzüberschreitende Herangehensweise für unsere Themen dank mehrerer Entwicklungen höher:

  • Aachener Vertrag,
  • Erklärung von Hambach,
  • hilfreiche EU-Regulierungen,
  • die Arbeit des Euro-Instituts (Kehl) und der Hochschule Kehl,
  • ein Projekt für grenzüberschreitenden Datenaustausch des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung,
  • die Initiative „European cross-border citizens‘ alliance“ der Mission opérationnelle transfrontalière,
  • der Entwicklungsrat der Eurometropole Strasbourg,
  • kompetente Leute in den Eurodistrikten und bei den Städten Strasbourg, Karlsruhe und Freiburg
  • und natürlich Förderinstrumente wie der Bürgerfonds.

Bei unserer deutsch-französischen Online-Konferenz ging es darum, Erfahrungen zu Anwendungen, Rechtsnormen und Standards bezüglich Open Data und Open Source Software auszutauschen; außerdem haben wir Sachstände und Projektideen nebeneinander auf den Tisch gelegt und ein weiteres gemeinsames Vorgehen geplant.

 

3 - Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Format eines Online-Workshops gemacht? Und welche Bilanz ziehen Sie inhaltlich?

Interlab Rhenanum versteht sich als Think- & Do-Tank für die Ebene des Maschinenraums und als Ergänzung zu Entscheider-Netzwerken: So wollen wir die Arbeitsebene aus Zivilgesellschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft im Sinne des „Bottom-up-Prinzips“ mit der Entscheiderebene verbinden. Bei unserem Workshop haben sich also vor allem Akteure aus dem Maschinenraum getroffen, die bereits dezentrales Arbeiten mit Online-Tools gewohnt sind.

Eine besondere Herausforderung ist nach wie vor die Zweisprachigkeit – sowohl in der Zusammenarbeit als auch bei der Interoperabilität bestimmter Daten oder bei den jeweiligen Rechtsnormen. Für unseren Workshop wurden deswegen freundlicherweise die Dolmetscher durch den Bürgerfonds gefördert.

Wir haben bei Zoom eine relativ neue Funktion für Verdolmetschung hinzugebucht, die das Audio auf zwei Kanäle anwählbar gesplittet hat. Das funktioniert gut. Allerdings erschien die Funktion bei manchen Teilnehmenden nicht im Menüund wir haben uns spontan für diese Teilnehmer mit mit der Open-Source-Lösung Jitsi beholfen . Wir hatten zuvor lange recherchiert und zu meinem Erstaunen ist das Thema Mehrsprachigkeit bei den gängigen Web-Konferenz-Lösungen unterbelichtet. Weitere Tools, die wir genutzt haben, waren Etherpads (gemeinsame Textbearbeitung) und Airtable (Kollaborations-Datenbank).

Wir sind gut vorangekommen – sogar ein nächster gemeinsamer Termin steht schon, denn einige Fragen sind auch offengeblieben: Wie lösen wir das Problem eines standardisierten Vokabulars? Wie können wir Entscheidern den konkreten Nutzen der Daten für ihr Handlungsfeld nahebringen? Welche Stakeholder können wir auf beiden Seiten noch erreichen?

Schon jetzt steht fest: Strasbourg und Karlsruhe haben sich zu Open Data ein Stück stärker aufeinander eingeschworen – Mobilitätsdaten stehen im Fokus.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass die deutschen und französischen Gebiete am Oberrhein sich als gemeinsame, grenzüberschreitende Körperschaft dem Verbund „Open Government Partnership“ anschließen würden. Das wäre eine Premiere!

 

4 - Welches Potenzial bietet Digitalisierung, insbesondere Open Data, für die deutsch-französischen Zusammenarbeit – oder andersherum?

Digitalisierung hat viel mit Skalierung zu tun, das heißt, dass man Lösungen leicht an größere Bedarfe anpassen oder übertragen kann. Das Verharren in den Skalen der nationalen Grenzen wäre also aus europäischer Sicht pure Verschwendung von Ressourcen und Kompetenz. Deutschland und Frankreich tragen aufgrund ihrer Wirtschaftsleistung eine besondere Verantwortung, einen „Europäischen Weg“ der Digitalisierung voran zu treiben.

Beide Länder funktionieren anders – das eine zentral, das andere föderal – und können gerade deswegen voneinander lernen: etwa im Hinblick auf die staatliche Steuerung der Wirtschaftspolitik, Forschung, Sozialpolitik oder digitale Daseinsvorsorge. Besonders relevant ist die grenzüberschreitende Nutzung von Daten für die Regionalentwicklung in der deutsch-französischen Grenzregion.

Ganz aktuell zeigen die Corona-Warn-Apps, wie es nicht sein sollte. Die Menschen in den Grenzregionen sind bei den jetzigen Lösungen vergessen worden. Die physischen Grenzen sind wieder offen, aber nun sind digitale Grenzen da. Dabei braucht es noch nicht einmal eine einheitliche Lösung, wenn die Systeme interoperabel sind. Das wäre wichtig, um Grenzschließungen im Falle eines erneuten Ausbruchsgeschehens vorzubeugen.

Hier zeigt sich aber umso mehr die besondere Bedeutung von Grenzregionen für den europäischen Zusammenhalt: Mit ihrer Vielzahl an lebendigen Beziehungen in Gesellschaft und Wirtschaft sind sie nicht nur Verbindungsregionen für Europa – auch im Sinne eines Europas der Regionen; sondern Grenzregionen sollten auch als Spiegel und Reallabore für europäischen Zusammenhalt von den Mitgliedstaaten stärker erforscht, genutzt, gewürdigt und unterstützt werden. Man sollte ihnen zuhören, um Europa voran zu bringen. Die Kulturtechnik Open Government kann das Vertrauen in Grenzregionen stärken und auch die überregionalen Akteure einbeziehen.


Oliver Rack zählt in Deutschland zu den zentralen Akteuren im Bereich Open Government und berät hierzu Entscheidungsträger staatlicher Institutionen und zivilgesellschaftlicher Organisationen auf allen föderalen Ebenen und führt Evaluationen durch.

Er ist Mitglied der Strategiegruppe des Open Government Netzwerk Deutschland, das die Bundesregierung bei der Dissimination von Open Government und bei ihrer Teilnahme an der Open Government Partnership unterstützt, Vorstand des Think- & Do-Tanks für öffentliches Gestalten und Methoden Politics of Tomorrow c/o Nextlearning e.V., Fellow des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes, wo er sich für Kreativität in Bürokratie einsetzt und Mitbegründer des Creative Bureaucracy Festivals.

Von Haus aus Journalist versteht er sich immer noch als „Kontext Broker“ und entwickelt hierfür anwendungsorientierte Einordnungen und Schnittstellen-Projekte zwischen Positionen, Sektoren und Disziplinen aller Art, insbesondere in den Bereichen nachhaltige Digitalisierung und Staatsmodernisierung. Er ist Initiator der Förderinitiative „Regionale Open Government Labore“ des deutschen Innenministeriums und Mitinitiator und Policy Advisor des von der Volkswagenstiftung geförderten Projekts CAIUS zur soziotechnologischen Forschung für Impact Aware AI an der Hochschule der Medien Stuttgart und an der Universität Mannheim.

Derzeit engagiert er sich in Arbeitsgruppen zur Entwicklung eines Open Data Instituts für Deutschland, im Rahmen des Assessments zum EU-Rechtsakt High Value Data, in der Dialogplattform Smart Cities des Bundesinnenministeriums und im Bereich Grenzregionen in Europa.