Praxistipp
9 Irrtümer über deutsch-französische Projekte

08.02.2022

Was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an deutsch-französische Projekte denken? Kauderwelsch, das Saarland, ein engagiertes Städtepartnerschaftskomitee? Ganz falsch liegen Sie damit natürlich nicht – aber mit folgenden Irrtümern gilt es trotzdem aufzuräumen:


1. Wer ein deutsch-französisches Projekt organisiert, muss fließend Französisch sprechen.

Nein. Natürlich erleichtern Sprachkenntnisse die Verständigung mit Partnerorganisationen oder Teilnehmenden aus dem anderen Land. Aber sie sind ganz explizit keine Voraussetzung für eine Förderung durch den Bürgerfonds. Im Gegenteil: Ziel des Bürgerfonds ist es, Verbindungen zwischen Bürger*innen beider Länder zu stärken – nicht, beide Bevölkerungen auf sprachliches C2-Niveau zu bringen. Dabei geht es ganz besonders auch darum, Menschen für deutsch-französische Projekte zu begeistern, die vorher noch keinen Draht zum Nachbarland hatten und die kein Französisch sprechen.

Aber wie läuft das dann in der Praxis?

Holen Sie sich Unterstützung: binden Sie v. a. in der Vorbereitungsphase Menschen in Ihrem Umfeld ein – vielleicht hat ja eine pensionierte Französischlehrerin, der Vorsitzende des Städtepartnerschaftskomitees oder ein Mitglied der Deutsch-Französischen Gesellschaft aus der Region Lust, Ihr Projekt zu unterstützen? Natürlich können Sie auch auf professionelle Unterstützung setzen und z. B. Diskussionsrunden oder Vorträge von Dolmetscher*innen übersetzen lassen – die Kosten dafür können (teilweise) vom Bürgerfonds übernommen werden. Wenn Sie unsicher sind, sprechen Sie gerne die Regionalen Berater*innen an: Sie können Ihnen dabei helfen, die beste Lösung und die richtige technische Ausstattung zu finden – gerade bei Online-Sitzungen gibt es viele Details zu beachten.

Oder umgehen Sie das Problem einfach: Sportprojekte sind zum Beispiel eine gute Möglichkeit, gemeinsam aktiv zu sein und sich (fast) ohne Worte zu verstehen.


2. Es geht immer nur um die Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg und den Élysée-Vertrag von 1963.

Nein. Ok, wir geben zu: Die Erzählung von der deutsch-französischen Freundschaft kommt ohne dieses historisch einzigartige Datum nicht aus – war es doch der offizielle Startschuss für die engen und zahlreichen Verflechtungen zwischen beiden Ländern. Heute, rund 60 Jahre später, geht es darum, diese Verbindungen zu vertiefen und Herausforderungen gemeinsam anzugehen.

Das heißt ganz konkret: Stadtverwaltungen tauschen sich darüber aus, wie sie die Energiewende mit Bürgerbeteiligung umsetzen; digitale Stadtführungen durch Partnerstädte thematisieren Demokratie und Europa vor Ort; Sozialarbeiter*innen sprechen über die Integration von Geflüchteten; eine Video-Reportage stellt die Welt der deutsch-französischen Popmusik vor; Kanu-Vereine organisieren einen Aktionstag zum Thema Frauenrechte; Theatergruppen erarbeiten Antworten auf die Frage: Wie wollen wir in 2030 leben? Tanzprojekte schaffen grenzüberschreitende Verbindungen während der Coronapandemie. Und, und, und …

Ihrer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: Der Bürgerfonds fördert Projekte zu 10 Themenfeldern, die von Sport über Digitalisierung bis hin zu Erinnerungsarbeit oder Umweltschutz reichen. (> Geförderte Projekte entdecken)


3. Deutsch-französischer Austausch ist nur etwas für Schüler*innen.

Nein. Es stimmt natürlich: Junge Menschen zwischen 3 und 30 Jahren finden beim Deutsch-Französischen Jugendwerk seit 1963 Unterstützung – sei es etwa beim klassischen Schulaustausch, bei Praktika oder bei Freiwilligendiensten im anderen Land. Aber weil Engagement weder an Landes- noch an Altersgrenzen Halt macht, wurde 2020 der Bürgerfonds ins Leben gerufen: Er schließt die Lücke und fördert nun endlich auch deutsch-französische Projekte für Menschen über 30 Jahren bzw. generationsübergreifende Projekte.


4. Deutsch-französische Projekte müssen aus Eigenmitteln gestemmt werden.

Jein. Bevor der Bürgerfonds 2020 an den Start ging, gab es auf nationaler Ebene tatsächlich kaum Möglichkeiten, deutsch-französische Projekte zu finanzieren, die sich nicht an junge Menschen richteten (s. Punkt 3). Viele Reisen von Städtepartnerschaften oder Veranstaltungen mussten Organisator*innen daher entweder aus eigener Tasche bezahlen oder auf eine Förderung aus anderen Töpfen hoffen.

Nun gibt es mit dem Bürgerfonds eine eigene Anlaufstelle für deutsch-französische Projekte, die von engagierten Bürger*innen (ehrenamtlich) auf die Beine gestellt werden. In 4 Kategorien werden Fördermittel von bis zu 5.000 €, bis zu 10.000 €, bis zu 50.000 € oder mehr vergeben. Insgesamt kann der Bürgerfonds bis zu 80 % der Gesamt-Projektkosten übernehmen – mindestens 20 % der Kosten müssen also nach wie vor selbst getragen oder durch Ko-Finanzierung gedeckt werden.


5. Deutsch-französische Projekte sind kein Muss mit echtem Mehrwert.

Nein. Neben den ganz konkreten Themen und Herausforderungen, die in deutsch-französischen Projekten behandelt werden können (s. Punkt 2), ist jedes Projekt auch immer eine interkulturelle Erfahrung für alle Beteiligten und ein Baustein des europäischen Zusammenhalts.

Offenheit, Toleranz und Empathie, ein kritischer Umgang mit Stereotypen, ein besseres Verständnis unserer europäischen Nachbar*innen und nicht zuletzt auch mehr Selbstsicherheit: All das versteht man unter sogenannter „interkultureller Kompetenz“. Und die ist nicht nur für jede*n Einzelne*n wertvoll, sondern auch für unsere Gesellschaften insgesamt.


6. Nur in der Grenzregion machen deutsch-französische Projekte Sinn.

Nein. Das Saarland, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sind Frankreich zwar geografisch besonders nah, aber vor allem die Möglichkeiten digitaler Projekte (s. Punkt 8) lassen die Ausrede „zu weit weg“ nicht mehr gelten. Und schließlich gibt es auch zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Nouvelle Aquitaine unendliche Themen und Anknüpfungspunkte für gemeinsame Projekte – vielleicht sogar für Pionierarbeit.

Unterstützung, Ideen und Kontakte finden Sie bei den Regionalen Berater*innen des Bürgerfonds: 14 Expert*innen stehen Projektträgern und Interessierten in ganz Deutschland und Frankreich zur Seite.


7. Deutsch-französische Projekte sind nur etwas für Städtepartnerschaften.

Nein. Das Netz aus über 2.200 deutsch-französischen Städtepartnerschaften ist weltweit einzigartig und ein ganz wichtiger Bestandteil der Freundschaft zwischen beiden Ländern. Auch für sie wurde der Bürgerfonds gegründet – so steht es sogar im Aachener Vertrag: „Beide Staaten richten einen gemeinsamen Bürgerfonds ein, der Bürgerinitiativen und Städtepartnerschaften fördern und unterstützen soll, um ihre beiden Völker einander noch näher zu bringen.“

Aber das ist natürlich nicht das Ende der Fahnenstange. Alle folgenden Organisationen können mit Unterstützung des Bürgerfonds deutsch-französische Projekte organisieren:

  • gemeinnützige Vereine, (Städte-)Partnerschaftsvereine,
  • Gebietskörperschaften,
  • wissenschaftliche Institute,
  • Bildungs- und Ausbildungszentren,
  • gGmbHs,
  • Stiftungen,
  • Bürgerinitiativen und informelle Gruppen (jeweils mindestens drei Personen)


8. Ohne Reisebus kein deutsch-französisches Projekt!

Nein. Spätestens seit der Coronapandemie haben wir uns alle von diesem Irrtum verabschiedet. Klar ist natürlich: nichts ist so intensiv und erfüllend, wie eine persönliche Begegnung. Aber klar ist auch: Es gibt unzählige Möglichkeiten für Projekte auf Distanz! Angefangen bei Online-Seminaren zu buchstäblich jedem beliebigen Thema (s. Punkt 2) über gemeinsam gestaltete Rezeptsammlungen oder einen Buchclub bis hin zu Podcasts, Videoprojekten oder Online-Plattformen.

Der Bürgerfonds kann dabei z. B. Kosten für Übersetzer*innen, Ein-Monats-Abonnement für Videokonferenzdienstleister, Leihkosten für Videokonferenztechnik oder im Projekt erstellte Dokumentationen (z. B. Vortragsband nach einer Onlinekonferenz, Video mit Interviews der Projektteilnehmenden) übernehmen.


9. Kein Förderantrag ohne Papierkram und Nervenzusammenbruch.

Nein. Weil wir wissen, dass ehrenamtlich Engagierte weder zu viel Zeit noch zu viel Energie übrig haben, sind die Förderverfahren des Bürgerfonds besonders niedrigschwellig: Wenn Projektidee, -programm und -budget stehen, dann ist der Förderantrag in einer Viertelstunde ausgefüllt – alles online, mit der Möglichkeit zum Zwischenspeichern und zum PDF-Export. Tipps finden Sie in diesem kurzen Merkblatt und natürlich bei Ihrer*m Regionalen Berater*in oder direkt vom Bürgerfonds-Team.