Sport – gelebte Gemeinschaft, geteilte Werte

15.03.2021

Wie geht es Deutschlands und Frankreichs Sportvereinen nach einem Jahr Coronakrise? Wie sieht grenzüberschreitende Zusammenarbeit in großen Verbänden aus? Und wie schaffen es auch Sportmuffel, sich mehr zu bewegen? Antworten im Doppel-Interview mit Katrin Grafarend (DOSB) und Laurence Sauvez (FSCF), die beide im Beirat des Deutsch-Französischen Bürgerfonds sind.

 

1 - Es ist paradox: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zwingen tausende Sportvereine ihre Aktivitäten auf Eis zu legen – und gleichzeitig geben viele Deutsche und Franzosen an, während des Lockdowns mehr Sport getrieben zu haben als sonst. Wie beurteilen Sie dieses Phänomen und welche langfristigen Folgen für die Sportlandschaft erwarten Sie?

Katrin Grafarend: Auch wenn wir uns natürlich über jede Form des Sporttreibens freuen, ob allein oder in der Gruppe, sind wir insgesamt besorgt über den aktuellen Rückgang des Sporttreibens im Verein. Denn beim Sport geht es nicht nur um die Förderung der körperlichen Gesundheit.

Das Sporttreiben in Gemeinschaft – und hier insbesondere im Verein – stärkt sowohl die psychische Gesundheit als auch das gesellschaftliche Miteinander.

Aufgrund ausbleibender Vereinsaktivitäten, Wettkämpfe und Veranstaltungen fehlen den Vereinen und Verbänden zudem wichtige Einnahmen, die zu gravierenden finanziellen Engpässen führen. Sportangebote müssen reduziert werden, was letztlich die Vielfalt der Sportlandschaft in Gefahr bringt. Insbesondere für Kinder und Jugendliche ist die Wiederaufnahme des Vereinssports von hoher Bedeutung, da sie weniger einfach als Erwachsene individuell und ohne Anleitung Sport treiben können.

Deshalb hoffen wir, dass unter Berücksichtigung der gültigen Hygieneregeln eine baldige Wiederaufnahme des vereinsbasierten Sporttreibens möglich sein wird.


Laurence Sauvez: In Frankreich können die 17 Millionen Vereinssportler*innen nicht mehr ihrem liebsten Hobby nachgehen – nur noch draußen und unter strengen Hygieneauflagen.

Viele haben ganz aufgehört, sich zu bewegen. Andere behelfen sich wie sie können, vor allem mit Apps oder Online-Trainings. Diesen virtuellen Ansatz zum Sportmachen muss man aufmerksam verfolgen. Eventuell wird sich die Tendenz zum individuellen Sporttreiben außerhalb von Vereinen verstärken. Damit geht das Risiko eines dauerhaften Einzelgängertums einher, dem die Vorteile des Vereinslebens abhandenkommen.

Paradoxerweise erlauben Lockdown und Homeoffice aber auch, den Alltag anders zu organisieren und leichter Raum für Sport zu schaffen, wenn man das möchte. Mal sehen, ob das andauert.

 

2 - Vor welchen Herausforderungen steht der Vereinssport in Deutschland? Wie unterstützt der DOSB die Sportvereine in der Krise – und darüber hinaus?

Katrin Grafarend: Eine unabhängige Studie aus dem Herbst 2020 hat gezeigt, dass in Deutschland die Hälfte aller Sportverbände von einer Existenzgefährdung bis Ende 2021 ausgeht. Der DOSB hat sich von Beginn an für eine Aufnahme des Sports in Förderprogramme der öffentlichen Hand eingesetzt. Bisher konnten auf diese Weise Zugänge zu wichtigen Überbrückungshilfen sowie eine Ausweitung der „Coronahilfen Profisport“ erreicht werden. Zudem unterstützt der DOSB die Landessportbünde in der Akquise von zielgerichteten Landesmitteln für Vereine.

In unserer Kampagne #SupportYourSport sensibilisieren wir für die Nöte der Vereine und fordern die Menschen auf, sie in dieser Krise solidarisch zu unterstützen. Gemeinsam mit der Sportministerkonferenz sowie dem Bundesministerium für Gesundheit und dem Bundesministerium des Innern für Bau und Heimat wird der DOSB außerdem eine nationale Kampagne initiieren, die eine auf Bewegung ausgerichtete Lebensweise fördert und Bürgerinnen und Bürger motiviert, in Sportvereine einzutreten. Ganz konkret haben wir zudem ein Hygienekonzept entwickelt, das in Form verschiedener Module Möglichkeiten des Sporttreibens in der aktuellen Pandemiesituation aufzeigt.


Laurence Sauvez: Bei der FSCF haben wir Vereine und Regionalkomitees dazu angeregt, die Verbindungen zu ihren Mitgliedern aufrecht zu erhalten. Dafür werden zum Beispiel Challenges organisiert – die Vereine haben wirklich viel Kreativität gezeigt! Begegnungen finden auf andere Art und Weise statt, damit sobald wie möglich wieder lokale Wettbewerbe organisiert werden können.

Trotzdem ist es alarmierend: In den französischen Verbänden sind die Mitgliedschaften im Schnitt um 30 bis 40 % eingebrochen.

Die Folge sind finanzielle Schwierigkeiten, die außerdem dadurch verstärkt werden, dass keine Wettbewerbe stattfinden und nur wenige Fortbildungen organisiert werden (auch wenn sich das gerade ändert: E-Learning ist auf dem Vormarsch). Selbst wenn weniger Kosten entstehen, ist die Situation für einige Verbände sehr kritisch.

Die FSCF hat entschieden, die Mitgliedsbeiträge für seine Vereine auszusetzen, was etwa 190 000 Euro entspricht. Wir unterstützen die Organisationen und Ehrenamtlichen außerdem dabei, staatliche Hilfen zu beantragen. Gleichzeitig regen wir alle Vereine dazu an, Verbandsmitglied zu werden, damit wir in den kommenden Sportsaisons nicht in Schwierigkeiten geraten.

 

3 - Sport vermittelt Werte wie Solidarität und Verantwortungsbewusstsein, Toleranz und Offenheit, Fairplay und Respekt. Wie steht es derzeit um diese Werte in unseren Gesellschaften – innerhalb der Landesgrenzen, aber auch europäisch? Und inwiefern sehen Sie sich als große, international aktive Verbände in der Verantwortung?

Katrin Grafarend: Die aktuelle Krise hat uns Demut gezeigt und sie lehrt uns, dass ohne ein solidarisches Miteinander und ohne internationale Zusammenarbeit eine solche Herausforderung kaum zu bewältigen ist.

Die Werte des Sports wie Solidarität, Fairplay und Respekt sind daher aktueller denn je und es lohnt jede Mühe, diese zu fördern – national wie international.

Als DOSB sind wir der internationalen Zusammenarbeit verpflichtet, auf EU-Ebene zum Beispiel als führendes Mitglied im Zusammenschluss europäischer Sportdachverbände in Brüssel. Zudem engagieren wir uns seit vielen Jahren weltweit im Rahmen der Internationalen Sportförderung und der sportbezogenen Entwicklungszusammenarbeit. Die Potenziale des Sports für die Erreichung nachhaltiger Entwicklungsziele (SDGs) sind vielfältig. Sie gilt es, zukünftig noch besser auszuschöpfen.


Laurence Sauvez: In der Tat vertritt der Sport wichtige Werte. Bei der FSCF haben wir ein Bildungsprojekt, das unsere 5 Grundwerte in den Vordergrund rückt: Offenheit, Respekt, Autonomie, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität. Diese Werte gelten auch und gerade in der Pandemie.

In der Gesellschaft sieht man etwa schöne Initiativen für Solidarität. Und ich finde es fundamental wichtig, sie zu unterstützen und weiterzuführen – auf allen Ebenen.

 

4 - Paris wird 2024 Gastgeber der Olympischen Spiele sein. Wie spiegelt sich die europäische, insbesondere die deutsch-französische Zusammenarbeit in den Aktivitäten des DOSB bereits heute konkret wider?

Katrin Grafarend: Die deutsch-französische Zusammenarbeit nimmt traditionell eine ganz besondere Rolle in der internationalen Arbeit des deutschen Sports ein. Ganz besonders ist dies bei den Aktivitäten der Deutschen Sportjugend, der Jugendorganisation des DOSB, zu sehen. In enger Zusammenarbeit mit dem Comité national olympique et sportif français sowie dem Deutsch-Französischen Jugendwerk ...

... unterstützt die Deutsche Sportjugend deutsch-französische Begegnungen, in denen der Sport als Medium für interkulturelle Verständigung genutzt wird.

Neben einer finanziellen Förderung solcher Projekte stehen vielfältige Beratungs- und Qualifizierungsangebote für die deutsche und französische Vereinslandschaft zur Verfügung.

Die Ideen für gemeinsame Projekte mit Blick auf die Olympischen und Paralympischen Spiele in Paris 2024 sind vielfältig. Wir werden sie in den kommenden ein, zwei Jahren konkretisieren. Ich bin mir sicher, dass die ohnehin lebendige Partnerschaft zu Frankreich vor dem Hintergrund dieses sportlichen Großereignisses weitere, neue und nachhaltige Impulse gerade auch für die junge Generation erhalten wird. Im DOSB freuen wir uns jedenfalls schon heute auf diese Spiele bei unseren Freunden und Nachbarn!


Laurence Sauvez: Momentan arbeiten wir noch nicht konkret mit dem DOSB zusammen. Aber im Rahmen des Internationalen Dachverbands des katholischen Schulsports, zu dem etwa auch die Deutsche Jugendkraft gehört, haben wir Sportbegegnungen für 2024 geplant.

Der Internationale Dachverband des katholischen Schulsports ist 1906 entstanden und vereint katholische Sportverbände aus verschiedenen Ländern, hauptsächlich aus Europa. Er besteht aus 3 Kommissionen: Die Sportkommission, die Begegnungen und Wettbewerbe zwischen den Mitgliedsländern organisiert, die Jugendkommission und eine Kommission, die sich in Kooperation mit den anderen beiden um die Vermittlung christlicher Werte kümmert.

Unsere Mitgliedsvereine – vor allem jene in der Region Grand Est – organisieren regelmäßig grenzüberschreitende Sportbegegnungen mit der DJK, dem deutschen Gegenstück der FSCF.

Auch weitere Formate sind denkbar, vor allem mit Unterstützung des Deutsch-Französischen Bürgerfonds, den wir bekannt machen möchten, oder des Deutsch-Französischen Jugendwerks.

 

5 - Und zuletzt eine persönliche Frage: Welches ist Ihr Lieblingssport und haben Sie einen Tipp für Sportmuffel?

Katrin Grafarend: Das ist eine schwierige Frage, da ich im Rahmen des Sportstudiums sehr viele verschiede Sportarten habe kennenlernen können und von einer Vielzahl an Sportarten begeistert bin. Tennis, Ski, Basketball, Segeln, Handball, Tanzen, Rudern… das sind alles großartige Sportarten.

Als Sportmuffel würde ich in jedem Falle eine Mannschaftssportart empfehlen, da die Gemeinschaft und der Teamgeist über die eine oder andere Bequemlichkeit hinweghelfen kann.

Am besten einfach mal ausprobieren!


Laurence Sauvez: Mein Lieblingssport ist das Schwimmen. Im Moment kann ich dem nicht nachgehen, da in Frankreich alle Schwimmbäder geschlossen sind. Aber auch zu normaleren Zeiten kommt ich aufgrund zu vieler Termine und der weiten Wege, die man mit dem ÖPNV zurücklegen muss, selten dazu, mich zu bewegen.

Dabei weiß ich, wie wichtig es ist, sich zu bewegen – und wenn es nur ein bisschen ist. Wenn man einmal sportlich war und jahrelang mehrere Stunden pro Woche trainiert hat, hat man manchmal das Gefühl, dass es nichts bringt, sich weniger als eine Stunde zu bewegen. Aber da täuscht man sich!

Schon 10 bis 15 Minuten pro Tag sind besser als nichts! Man kann spazierengehen, sich dehnen, Fahrradfahren. Nicht schwer – und so wichtig!


Katrin Grafarend leitet seit 2006 das Ressort Internationales beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Nach dem Studium der Politik- und Sportwissenschaften sowie Romanistik an der Universität Konstanz, in Frankreich und den USA, waren die ersten beruflichen Stationen das Sportreferat der Europäischen Kommission in Brüssel und das Nationale Olympische Komitee für Deutschland in Frankfurt am Main. Neben Themen der internationalen Sportpolitik und -diplomatie initiiert und begleitet sie zahlreiche Sportförderprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern. Ihr besonderes Engagement gilt seit einigen Jahren der Bedeutung des Sports zur Erreichung Nachhaltiger Entwicklungsziele (SDGs).

Laurence Sauvez begann ihren Werdegang als Lehrerin und war dann als leitende Angestellte im französischen Bildungsministerium für die Steuerung der Bildungspolitik in den Départements zuständig. Seit 16 Jahren ist sie bei der Fédération Sportive et Culturelle de France (FSCF): zunächst als Beraterin, dann als Nationale Technische Direktorin, begleitete sie die Entwicklung des Verbands und vertritt seine Interessen gegenüber Vertreter*innen der Sportpolitik. Seit dem 1. März 2021 hat sie ihren Posten als Nationale Technische Direktorin abgegeben, bleibt aber ehrenamtlich für die FSCF engagiert.