„Die Engagierten müssen zu digitalen Vorreitern werden.“

17.12.2020

Das ist eines der Ziele, die sich die neugegründete Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt gesteckt hat. Ein besonderer Fokus ihrer Arbeit liegt dabei auf dem ländlichen und strukturschwachen Raum. Die Vorstände Katarina Peranić und Jan Holze über ihre Ansätze, erste Erfolge und Pläne für das neue Jahr.

 

1 - Die DSEE wurde im Juli mit dem Ziel gegründet, Ehrenamt und Engagement zu fördern. Verraten Sie uns, wo die DSEE schon konkret unterstützen konnte und wie die Stiftung auf die Corona-Krise reagierte?

Katarina Peranić: Die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt hat die Aufgabe, bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt insbesondere in strukturschwachen und ländlichen Räumen zu stärken und zu fördern. Ihre Schaffung ist ein sichtbares und deutliches Zeichen von Deutschem Bundestag und der Bundesregierung für die 30 Millionen Engagierten im Land.

Zum ersten Mal gibt es mit der Stiftung eine bundesweit tätige Anlaufstelle zur Förderung ehrenamtlichen Engagements.

Wir haben uns direkt nach der Gründung auf den Weg gemacht. Im September haben wir das erste Förderprogramm „Gemeinsam wirken in Zeiten von Corona“ der Stiftung aufgelegt. Und die Resonanz zeigt, dass wir einen Nerv getroffen haben: Über 12.500 Anträge haben uns in sieben Wochen erreicht.

Die beantragte Fördersumme übersteigt unsere verfügbaren Haushaltsmittel um etwa das Zehnfache.

In den letzten Wochen konnten wir über 20 Millionen Euro an mehr als 1.800 Vereine und Organisationen im gesamten Bundesgebiet ausreichen und damit vielen in dieser schweren Zeit ein Stück weiterhelfen. Was uns besonders freut, ist, dass wir mit unserem Programm vielen kleinen Vereinen und Organisationen direkt helfen konnten.

Und es ist beeindruckend zu sehen, was die Engagierten im gesamten Bundesgebiet in den Vereinen und Organisationen mit den Mitteln alles auf die Beine stellen.

Neben dem Förderprogramm haben wir darüber hinaus erste eigene Angebote entwickelt. Gemeinsam mit dem Haus des Stiftens haben wir zum Beispiel das Digital-Camp 2020 mit über 11.500 Teilnehmenden organisiert, eine Online-Web-Seminar-Reihe, wo wir Ehrenamtliche digital fit machen.

Im kommenden Jahr werden wir ein Service- und ein Kompetenzzentrum für die Engagierten aufbauen und weiter in die Strukturen des Ehrenamts investieren.

 

2 - Jan Holze, Sie kennen das Deutsch-Französische bestens, haben in Nantes studiert und waren stellvertretender Vorsitzender im Beirat des Deutsch-Französischen Jugendwerks: Welchen Platz hat grenzüberschreitendes Engagement aus Ihrer Sicht aktuell in der deutschen Zivilgesellschaft? Und wie kann man noch mehr Menschen dafür gewinnen?

Jan Holze: Das Jahr 2020 hat uns in vielerlei Hinsicht daran erinnert, wie verwoben und zugleich, wie verletzlich wir sind.

Wir merken, wie wichtig Kontakte und der Austausch mit anderen Menschen – auch über Grenzen hinweg – ist.

Für viele Engagierte hatten die Reise- und Kontaktbeschränkungen neben den Restriktionen, die wir alle zu tragen haben, auch ganz unmittelbare Folgen. Ich denke da zum Beispiel an die vielen Menschen, die sich ehrenamtlich in Städtepartnerschaften engagieren und ihre Treffen mit der Partnerstadt in diesem Jahr absagen mussten. Oder an jene, die gerne die Fördermöglichkeiten des Bürgerfonds genutzt hätten, um mit ihrem Kultur- oder Sportverein deutsch-französische Projekte zu starten und ihre Ideen auf später verschieben mussten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie prägend diese Begegnungen und Erlebnisse sind. Sie können Menschen in vielerlei Hinsicht positiv prägen; wie auch mich diese Begegnungen stark geprägt haben.

Daher müssen wir alles daransetzen, dass diese wichtigen Angebote und vielfach ehrenamtlich getragenen Netzwerke nicht abbrechen und (wieder) gestärkt werden.

Ich bin dem Bürgerfonds und auch dem DFJW daher sehr dankbar und freue mich, dass alles daran gesetzt wird, ganz konkret zu unterstützen, damit internationale Freundschaften nicht abbrechen und Begegnungen hoffentlich bald wieder stattfinden können. Zugleich sehe ich aber auch, dass in den letzten Monaten viele neue digitale Formate und Plattformen entstanden sind, die den Austausch und Begegnungen auch über Landesgrenzen hinweg weiter ermöglicht haben. Auch hier gilt es, dran zu bleiben.

 

3 - Zwei Schwerpunkte hat sich die DSEE im Gründungsjahr gesetzt: Menschen im ländlichen Raum in besonderem Maße zu unterstützen, zu motivieren und zu vernetzen. Und digitale Prozesse und Projekte von Vereinen zu fördern. Warum sind diese zwei Ziele so wichtig und mit welchen konkreten Maßnahmen planen Sie, sie zu erreichen?

Katarina Peranić: Eigentlich sind es nicht zwei Ziele, sondern eins. Wir wollen Menschen dabei unterstützen, sich ehrenamtlich zu engagieren, ganz gleich, wo sie leben und wo sie sich engagieren wollen. Zugleich sehen wir, dass gerade in ländlichen und strukturschwachen Räumen die Herausforderungen andere sind als in größeren Städten oder Ballungszentren. Für Engagierte und Ehrenamtliche auf dem Land ist es aufgrund fehlender Infrastruktur und Netzwerken weitaus schwieriger, Angebote aufrechtzuerhalten. Das fängt bei der Suche nach Unterstützungsmöglichkeiten an, geht über Fragen der Mobilität und der Kontaktmöglichkeiten bis hin zu dem Umstand, dass viele Regionen praktisch immer noch ausgeschlossen sind vom schnellen Internet.

Daher, wenn wir Engagement und Ehrenamt in strukturschwachen und ländlichen Räumen stärken wollen, müssen wir die Vereine und Organisationen bei der Digitalisierung unterstützen.

Unser Ziel muss es sein, dass diejenigen, die sich tagtäglich für die Gesellschaft einsetzen, nicht digital abgehängt sind.

Im Gegenteil: Die Engagierten müssen zu digitalen Vorreitern werden – gerade in ländlichen und strukturschwachen Räumen. Und die vielen Projektanträge, die uns erreicht haben, zeigen die unglaubliche Vielfalt an kreativen und innovativen Ideen, die nicht erst in Zeiten von Corona entstanden und entwickelt wurden. Das ist ein Potenzial, das wir im wahrsten Sinne des Wortes engagieren müssen – und zwar für die gesamte Gesellschaft.

 

4 - Neue Richtlinien für eine Förderstiftung zu erarbeiten ist eine wahre Herausforderung. Bereits 12.500 Anträge sind innerhalb kürzester Zeit in Neustrelitz inmitten der Corona-Pandemie eingegangen. Das dokumentiert den großen Bedarf in der Zivilgesellschaft. Welche Förderregeln haben sich als besonders erfolgreich erwiesen, um die Ziele der Stiftung bestmöglich umzusetzen und Ehrenamt und Engagement wirkungsvoll zu unterstützen?

Jan Holze: Jeder einzelne Antrag zeigt den enormen Bedarf in der Zivilgesellschaft. Wir haben mit unserem Förderprogramm genau die Bedarfe adressiert, die die Engagierten und Ehrenamtlichen aktuell benötigen. Als richtig hat sich erwiesen, dass wir im Vorfeld mit sehr vielen Engagierten und auch Organisationen gesprochen haben, um das Förderprogramm an deren Bedürfnissen auszurichten. Uns war es zudem wichtig, dass wir den Prozess so einfach wie möglich gestalten und den Antrag schlank halten, soweit das im Rahmen einer Bundesstiftung möglich ist. Denn man darf nicht vergessen, dass es sich bei den Mitteln um Steuermittel handelt, deren Vergabe natürlich auch entsprechenden Regularien und Vorschriften unterliegt.

Bei der Bearbeitung der Anträge haben wir gemerkt, dass viele der Antragstellenden – gerade von kleineren Vereinen und Organisationen – noch wenig Erfahrung mit Förderanträgen haben. Das zeigt uns, dass wir bei Förderprogrammen, die sich an Engagierte richten, unabhängig, woher das Geld kommt, Unterstützung, Orientierung und Begleitung geben müssen. Aktuell bieten wir für die Zuwendungsempfänger eine Reihe von Web-Seminaren an, um sie bei der Projektdurchführung und -abrechnung so gut wie möglich zu unterstützen. Und auch hier zeigt die Resonanz, dass der Bedarf riesig ist. Zukünftig werden wir verstärkt daran arbeiten, die Prozesse innerhalb der Stiftung im Sinne der Engagierten weiter zu optimieren und natürlich auch zu digitalisieren.

Parallel entwickeln wir konkrete Unterstützungs- und Weiterbildungsformate, nicht nur zur Antragstellung, sondern insgesamt zur Stärkung und Förderung von Engagement und Ehrenamt in Deutschland und natürlich auch darüber hinaus. Hier freuen wir uns auch auf einen intensiven und engen Austausch mit dem Deutsch-Französischen Bürgerfonds.


Katarina Peranić ist seit Juli 2020 Vorständin der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Die zertifizierte Stiftungsmanagerin (DSA) hat Politikwissenschaft in Marburg und Berlin studiert. Seit mehr als zehn Jahren begleitet sie Projekte in Zivilgesellschaft und Politik von der Idee bis zur Umsetzung. Unter anderem war sie acht Jahre lang Vorständin der Stiftung Bürgermut und hat dort verschiedene Programme an der digital-sozialen Schnittstelle umgesetzt. Dabei spielten der Aufbau und die Aktivierung von analogen und digitalen Wissens-Communitys und die Entwicklung passender Kommunikationsstrategien stets eine zentrale Rolle. Die Unterstützung engagierter Bürger*innen bei der Vernetzung, dem Wissenstransfer und der Digitalisierung sind Kernthemen der Arbeit von Katarina Peranić.

Jan Holze ist seit Juli 2020 Vorstand der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Davor hat der Volljurist fünf Jahre lang die Ehrenamtsstiftung Mecklenburg-Vorpommern (Stiftung für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in Mecklenburg-Vorpommern) aufgebaut und geleitet, eine Stiftung, die durch das Land Mecklenburg-Vorpommern eingerichtet wurde, um Engagierte durch Beratung, Fortbildung, Anerkennung und finanzielle Förderung zu unterstützen. Jan Holze hat Betriebswirtschaftslehre und Rechtswissenschaften an den Universitäten Rostock, Moskau, Nantes, Frankfurt am Main und Münster in Westfalen studiert und abgeschlossen. Daneben engagiert sich Jan Holze ehrenamtlich, insbesondere im Kinder- und Jugendsport. Er verfügt damit über umfassende Vereins-, Verbands- und Stiftungserfahrung – von der lokalen bis hin zur Bundesebene.

Die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) wurde am 25. März 2020 per Gesetz von der Bundesregierung als eine Stiftung des öffentlichen Rechts des Bundes gegründet und hat ihren Sitz in Neustrelitz (Mecklenburg-Vorpommern). Sie wird insbesondere von drei Bundesministerien getragen: BMFSFJ, BMI und BMEL. Stiftungszweck ist laut Satzung „die Stärkung und Förderung des bürgerschaftlichen Engagements und des Ehrenamts insbesondere in strukturschwachen und ländlichen Räumen im Rahmen der Zuständigkeit des Bundes“. Die Rechtsaufsicht obliegt dem BMFSFJ. Der Stiftungsrat aus 19 Mitgliedern, u. a. drei Bundesminister, hat sich am 11. November 2020 konstituiert. Das DSEE-Team umfasst derzeit 17 Angestellte, soll aber perspektivisch auf 75 aufgestockt werden.