Ein Aufruf zu radikaler Solidarität

24.03.2021

Es tut sich was im Kampf gegen Rassismus und Sexismus, sagt die Autorin Emilia Roig. In ihrem Buch „Why we matter – Das Ende der Unterdrückung“ analysiert sie, wie verschiedene Muster der Unterdrückung funktionieren und was wir dagegen tun können. Die Französin lebt seit 15 Jahren in Berlin und teilt im Interview einen deutsch-französischen Blick.

 

1 - Die Bewegung „Black Lives Matter“ hat letztes Jahr viele Schlagzeilen gemacht, das Anprangern von Sexismus ebenfalls. Ist diese erhöhte Sichtbarkeit ein Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaften in Bezug auf verschiedene Diskriminierungsformen ein gutes Stück vorangekommen sind?

Ich finde, die gesellschaftlichen Bewegungen der letzten Monate sind ein Fortschritt: Immer mehr Stimmen werden laut und es hebt sich wirklich ein Schleier, der bislang über Machtstrukturen und all diesen Fragen lag.

Unterdrückung zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass ihre Funktionsweise im Schatten bleibt.

Ständig wird in Frage gestellt: Gibt es Sexismus überhaupt? Gibt es Rassismus überhaupt? Ein erster notwendiger Schritt ist also, diese Systeme erstmal zu erkennen.

Und das ist heute immer häufiger der Fall: Es hat sich ein internationaler Diskurs gebildet und es gibt Widerstand und soziale Bewegungen, deren Reichweite über Landesgrenzen hinausgeht. Natürlich hat das auch einen Einfluss auf Frankreich und macht Stimmen hörbar, die es bislang nicht waren.

 

2 - Sehen Sie Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich?

Ein Unterschied ist, dass Macht in Frankreich fester und expliziter verankert ist. Subversive Stimmen finden sich fast ausschließlich in den sozialen Medien und es werden zum Beispiel nur wenige Bücher über diese Fragen veröffentlicht. Das ist kein Zufall. Ich selbst versuche gerade, mein Buch in Frankreich zu veröffentlichen und hätte nie gedacht, dass das es so schwer sein würde! In Deutschland hatten mehrere Verlage Interesse gezeigt, aber in Frankreich erscheinen meine Ideen zu bedrohlich für den Status quo; es macht anscheinend Angst, sie zu veröffentlichen.

Deutschland ist natürlich überhaupt nicht frei von Unterdrückung, ganz im Gegenteil. Aber ich würde sagen, dass die deutsche Vergangenheit dazu geführt hat, dass Machtstrukturen häufiger in Frage gestellt werden. Es gibt viele Debatten darüber und es wird versucht, die Macht nicht in der Hand einiger weniger Personen zu lassen. Das hilft, eine nuanciertere, vielfältigere öffentliche Debatte zu haben. Selbst wenn dort auch sehr rassistische Ideen kursieren, können auch Stimmen zu Wort kommen, die nicht zum Mainstream-Diskurs gehören.

 

3 - Sie sind in einem Vorort von Paris aufgewachsen und leben seit mehr als 15 Jahren in Berlin. Inwiefern beeinflussen diese geografischen Standpunkte Ihre Arbeit und Ihre Sichtweise?

Das hat mein ganzes Leben beeinflusst – ich kann gar nicht sagen, wie sehr. Ich möchte absolut nicht in eine unkritische Idealisierung Deutschlands verfallen, und wenn ich als Kind türkischer Einwander*innen hier aufgewachsen wäre, würde ich sicher nicht die gleiche Geschichte erzählen. Aber aus meiner Sicht und nach meinen Erfahrungen kann ich sagen: Deutschland hat mir Möglichkeiten gegeben, die in Frankreich für mich nicht zugänglich waren. Dank meines Studiums in Deutschland konnte ich einen sozialen Aufstieg hinlegen, der mir in Frankreich vielleicht verwehrt geblieben wäre. Ich kämpfe gegen Ungerechtigkeit hier in Deutschland und europaweit, und dieser Kampf wird in Deutschland meiner Meinung nach weniger unterdrückt als in Frankreich.

Leider führt die mangelnde Bereitschaft Frankreichs, sich mit diesen wichtigen Fragen auseinanderzusetzten zur Abwanderung von Talenten, insbesondere von Menschen, die als nicht-weiß wahrgenommen werden und die in Frankreich nicht gehört werden.

 

4 - Können Sie uns zwei Begriffe erklären, die in Ihrem kürzlich erschienenen Buch „Why we matter – Das Ende der Unterdrückung“ eine zentrale Rolle spielen: „Intersektionalität“ und „Radikale Solidarität“?

Radikale Solidarität bedeutet: sich selbst zurücknehmen, nicht mehr nur seinem Ego folgen und verstehen, dass man die Unterdrückung einer anderen Person anerkennen kann, ohne dadurch selbst automatisch „schuldig“ zu werden. Mit dieser Herangehensweise können wir radikale Solidarität leben, weil wir aus einer Abwehrhaltung rauskommen:

Sobald von Sexismus oder Rassismus die Rede ist, sagen wir: „Ich bin doch nicht rassistisch, ich bin doch nicht sexistisch!“ Aber darum geht es nicht. Es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung.

Es geht darum, die Realität einer Person anzuerkennen – eine Realität, die lange Zeit verleugnet wurde, – statt sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken. Wir tendieren dazu, sofort einzelnen Personen die Schuld zuzuweisen. Dabei handelt es sich um ein historisches, strukturelles, institutionelles System, das uns alle einschließt. Sobald man sich dessen bewusstgeworden ist, ist echtes kollektives Handeln möglich und wir können diese Unterdrückungssysteme überwinden.

Intersektionaliät ist für mich ein politisches Projekt – nicht nur eine Theorie, die versucht, Unterdrückung aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten: statt sie nur durch ein Prisma zu sehen – durch das Prisma des Patriarchats, des Kapitalismus‘ oder des Rassismus‘ –, versucht man zu verstehen, wie sie sich kreuzen und gegenseitig verstärken. Wenn man Sexismus bekämpft, ohne dabei auch Klassenunterschiede und Rassismus zu berücksichtigen, schwächt man vielleicht das Patriarchat ein wenig, aber man stärkt andere Unterdrückungsformen.

Ein intersektionaler Ansatz bedeutet, Diskriminierungen innerhalb der Diskriminierungen offenzulegen, Ungleichheiten innerhalb der Ungleichheiten zu bekämpfen und Minderheiten innerhalb der Minderheiten sichtbar zu machen und zu empowern. Und so alle Unterdrückungssysteme gleichzeitig zu beseitigen.

 

5 - Sie selbst haben das Center for Intersectional Justice (CIJ) in Berlin gegründet, das sich für die Anerkennung intersektionaler Diskriminierung in der Rechtsprechung einsetzt, Forschung betreibt und Weiterbildung anbietet. Dabei verfolgen Sie explizit einen europäischen Ansatz. Warum ist das wichtig für Sie

Intersektionalität ist ein Konzept, das durch Schwarze Frauen aus den USA entwickelt wurde. Mit der Gründung des CIJ wollte ich Intersektionalität in einem europäischen Kontext anwenden; sehen, welche Eigenheiten Rassismus, Kolonialismus oder das Patriarchat in unseren europäischen Ländern haben – auch wenn es natürlich sehr viele Ähnlichkeiten zu den USA gibt. Denn es handelt sich dabei um globale Systeme mit den gleichen Wurzeln, die sich in den verschiedenen Ländern nur anders zeigen.


Dr. Emilia Roig (sie/ihr) ist Gründerin und Direktorin des Center for Intersectional Justice (CIJ) und Autorin des Buches „WHY WE MATTER. Das Ende der Unterdrückung“. Sie ist Dozentin im Social Justice Study Abroad Program der DePaul University of Chicago und lehrt zu Intersektionalitätstheorie, Postkoloniale Studien, kritische Rassismusforschung und internationalem und europäischem Recht. Von 2007 bis 2010 arbeitete sie intensiv im Bereich der Menschenrechte bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Tansania und Uganda, bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Kambodscha und bei Amnesty International in Deutschland. Sie hat in Politikwissenschaft promoviert, hat einen Master of Public Policy und einen MBA in Völkerrecht. Sie ist Jurymitglied des Deutschen Sachbuchpreises 2020 und war in der Jury des 25 Frauen Awards der Edition F in 2019. Sie wurde 2020 als Ashoka Fellow ernannt.