„Man kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber man muss aus ihr lernen.“

19.11.2020

Eine Historikerin, die einen Blick in die Zukunft wirft und durch die Zeit reist: Hélène Miard-Delacroix, französische Professorin für deutsche Zeitgeschichte und Kultur, im Interview.

 

1 - Wir feiern in diesen Tagen 30 Jahre deutsche Wiedervereinigung. Können Sie erklären, inwiefern dieser Moment 1990 auch ein deutsch-französischer war?

Erst einmal hat der Kontext, in dem die Wiedervereinigung zustande kam, wenig mit Deutschland und Frankreich zu tun. Die Wiedervereinigung wurde vor allem dadurch möglich, dass sich die Spannungen zwischen Osten und Westen legten und weil es 1985 Veränderungen in der Sowjetunion gab. Entscheidend war dann, dass Gorbatschow sich weigerte, die Unterdrückung der Demonstrierenden in der DDR zu unterstützen.

Die deutsch-französische Dimension wird erst deutlich, als es darum ging, die Teilung des Landes zu überwinden. Laut des Potsdamer Abkommens von 1945 waren Frankreich, die USA, Großbritannien und die Sowjetunion gemeinsam zuständig für Deutschland als Ganzes, Berlin und die endgültige Regelung des Krieges, die durch den Kalten Krieg unterbrochen worden war. Diese Phase hatte in mehrfacher Hinsicht einen deutsch-französischen Charakter:

Zunächst einmal hat sich die französische Bevölkerung ehrlich für die Deutschen gefreut.

Es gab außerdem Missverständnisse zwischen Paris und Bonn, was die östliche Grenze Deutschlands anging – jeder interpretierte die vom jeweils anderen getroffenen Entscheidungen auf seine Art. Paris zeigte sich irritiert, nicht vorab über das Zehn-Punkte-Programm von Helmut Kohl informiert worden zu sein; Bonn war gekränkt, weil François Mitterrand in die DDR gereist war.

Und schließlich war es ein deutsch-französischer Moment, weil beide Länder es geschafft haben, diese gereizte Stimmung zu überwinden und europäische Projekte voranzubringen – insbesondere in Wirtschafts- und Währungsfragen.

Der Vertrag von Maastricht von 1992 wurde nicht, wie es manchmal heißt, Deutschland aufgezwungen. Sondern er ist das Ergebnis eines geteilten Bestrebens sowie der Bereitschaft, Kompromisse in Kauf zu nehmen.

 

2 - Deutsch-französische Geschichte wird häufig von Bildern der jeweils gleichzeitig regierenden Staatschefs repräsentiert: Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, die den Elysee-Vertrag unterzeichnen; Helmut Kohl und François Mitterrand, die sich in Verdun an den Händen halten; Angela Merkel, die den Kopf auf Emmanuel Macrons Schulter legt usw.

Die Zivilgesellschaft wurde nur im Rahmen der Versöhnung als Akteur wahrgenommen – aber heute sind wir ja über diesen Status hinaus. Welche Rolle spielen Bürger*innen zukünftig in der deutsch-französischen Zusammenarbeit?

Die Bürger*innen wurden in der Meistererzählung der deutsch-französischen Freundschaft nach dem Elysee-Vertrag von 1963 quasi ausradiert – alle Verdienste wurden den Staats- und Regierungschefs zu Beginn der 1960er Jahre zugeschrieben.

Dabei hat die deutsch-französische Annäherung bereits 1945 begonnen, und zwar auf Initiative der Zivilgesellschaft, die sich miteinander austauschen und gemeinsam etwas Neues schaffen wollte ...

... sogar vor der Erklärung von Robert Schuman am 9. Mai 1950, die die deutsch-französische Zusammenarbeit und die europäische miteinander verschränkte. Einzelne Bürger*innen, teilweise Überlebende der Konzentrationslager, Bürgermeister*innen, Vertreter*innen der Kirchen und Intellektuelle legten den Grundstein für das enge Netzwerk, das zu Städtepartnerschaften, Schulaustauschen und einer ganz besonderen Geisteshaltung geführt hat.

Auf politischer Ebene haben die Entscheidungsträger ihren Austausch fest vorgeschrieben und institutionalisiert. Und weil sie die Entscheidungshoheit hatten, konnten sie immer mehr Strukturen schaffen und finanzieren, Austauschmöglichkeiten erweitern und das Erreichte aufwerten.

Aber auch, wenn die Normalisierung der deutsch-französischen Beziehungen sie heute weniger aufregend erscheinen lässt, gibt es in beiden Gesellschaften nach wie vor den Wunsch zu enger Zusammenarbeit. Heute geht es dabei weniger um Versöhnung, als vielmehr um Pragmatismus und das Bewusstsein, dass man gemeinsam mehr erreichen kann. Die Zusammenarbeit muss heute vor allem erleichtert und vereinfacht werden. Denn die Zivilgesellschaft kann besser als die Politik die Mitbürger*innen von der Effizienz gemeinsamer Aktionen überzeugen.

 

3 - Wie wird man in 100 Jahren mal über die aktuelle Epoche und Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich sprechen? Und wie sieht ihre Zukunft aus? Bleibt dieses außergewöhnliche (und exklusive) Verhältnis auch weiterhin legitim?

Es ist schwierig, die Zukunft vorherzusagen, denn die Geschichte belehrt uns immer wieder eines Besseren. Die Ereignisse von 2020 haben das schmerzhaft gezeigt: Ein Virus kann all unsere Terminkalender, Vorhersagen, Budgets und Projekte auf den Kopf stellen oder sogar zunichtemachen.

Wenn man schon das Spiel der Zukunftsprognosen spielen will, dann, um zu überlegen, wie unsere heutige Epoche die nächsten 100 Jahre beeinflussen wird. Ich denke, dass die Zukunft wirklich schwierig wird, wenn wir es nicht schaffen, die aktuellen Wirtschafts-, Verteidigungs- und Umweltfragen gemeinsam zu lösen. Die Zukunft hängt von dem ab, was wir heute ins Leben rufen.

Ich hoffe, dass man die heutige Zeit als Moment eines enormen kollektiven Kraftakts in Erinnerung behält – und das, gerade wenn jetzt die deutsch-französischen Überzeugungen und Versprechungen, die seit der Schuman-Erklärung 1950 so oft zitiert wurden, auf eine harte Probe gestellt werden.

Ich hoffe, dass Deutschland und Frankreich ihre unterschiedlichen Politik-Stile durch intensivierten Austausch einander angenähert haben werden. Dass beide Länder es geschafft haben werden, sich nachhaltig für mehr Europa einzusetzen – mit gemeinsamer Verteidigung und einem europäischen Budget, das die Währungs- und Wirtschaftsunion vollendet.

Die deutsch-französische Zusammenarbeit darf dabei nicht exklusiv sein. Aber sie ist so außergewöhnlich und vorbildhaft, dass sie auch weiterhin legitim bleibt: Sie wird auch weiterhin unverzichtbar bleiben, um in Europa Kompromisse zu finden. Nur so können die Europäer*innen gemeinsame Entscheidungen treffen, die alle Bürger*innen schützen und das Modell der repräsentativen Demokratie stärken, die auf geteilten Werten beruht und mit der sich alle Menschen in Europa identifizieren.

 

4 - Wenn Sie durch die Zeit reisen könnten – wohin und warum?

Wenn ich einen vergangenen Moment nochmal wiedererleben könnte, der die deutsch-französischen Beziehungen geprägt hat, würde ich in die Mitte der 1980er Jahre reisen: Helmut Kohl und François Mitterrand haben damals die bilateralen Strukturen vertieft und vervielfacht, zum Beispiel indem sie fünf neue deutsch-französische Räte zur sektoriellen Zusammenarbeit ins Leben gerufen haben. Gleichzeitig haben sie Jacques Delors an die Spitze der Europäischen Kommission gepusht und als Trio entscheidende Impulse für Europa und dessen Einigung in Wirtschafts- und Währungsfragen gegeben. An diesem Prozess, den ich heute nur in den Archiven verfolgen kann, würde ich gerne mitwirken.

Und wenn ich die Geschichte sogar umschreiben könnte, dann würde ich an den Anfang der 2000er Jahre zurückreisen. An der Spitze der bilateralen Beziehungen gab es damals viele Missverständnisse und Argwohn. Obwohl mit dem Konvent zur Zukunft Europas hervorragende Arbeit geleistet wurde, hat man meiner Meinung nach unterschätzt, wie groß das Misstrauen in der Bevölkerung war: in Frankreich zeigte sich das 2005 mit einem „Nein“ beim Referendum über die Europäische Verfassung. Ich würde mich zusammen mit anderen dafür einsetzen, den Bürger*innen besser zuzuhören und sie wirklich mitzunehmen bei gemeinsamen, deutsch-französischen, europäischen Projekten.

Man kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber man muss aus ihr lernen und ohne jeden Zweifel auf die Akteur*innen der Zivilgesellschaft setzen.

 


Hélène Miard-Delacroix ist Absolventin der Ecole Normale Supérieure und Professorin für deutsche Zeitgeschichte und Kultur. Studiert hat sie an der Sorbonne Université, in Freiburg (Breisgau) und an der Sciences Po Paris. Seit 2008 lehrt und forscht sie als Professorin an der Sorbonne Université zu zeitgenössischer Geschichte Deutschlands, zu den deutsch-französischen Beziehungen und zu Deutschland in Europa. Ihr aktuelles Forschungsinteresse gilt den Emotionen in den internationalen Beziehungen. Sie hat zahlreiche Werke auf Deutsch und Französisch geschrieben; kürzlich erschien „Von Erbfeinden zu guten Nachbarn. Ein deutsch-französischer Dialog“ (gemeinsam mit Andreas Wirsching, Reclam Verlag, Stuttgart, 2019).