Man nehme: Neugier, Kreativität und gute Planung

28.07.2020

Serge Embacher (BBE) untersucht Chancen und Risiken der Digitalisierung für bürgerschaftliches Engagement und musste kürzlich selbst mit seinem Team eine einwöchige Konferenz ins Netz verlegen. Was ist sein Fazit? Und was könnte er sich als deutsch-französisches Digital-Projekt vorstellen?

 

1 - Im Juni haben Sie die Auftaktkonferenz #DigitalSouveränEngagiert für das „Forum Digitalisierung und Engagement“ veranstaltet. Die Konferenz hat sich nicht nur um das Thema gedreht, sondern fand aufgrund der Corona-Krise auch komplett online statt. Welche Erfahrungen haben Sie mit diesem neuen Format gemacht? Können Sie Learnings oder Tipps weitergeben?

Wir haben unsere Learnings und Findings in einem Beitrag für den BBE-Newsletter (erscheint am 30. Juli) festgehalten. In Kurzform: Es bedarf einer gründlichen Prüfung, welches Online-Tool man für eine virtuelle Konferenz benutzen möchte (bei uns war es Zoom). Eine Präsenzveranstaltung lässt sich nicht 1:1 in ein Online-Format verwandeln.

Mit Neugier und Kreativität kann man auch als Technik-Laie eine Online-Konferenz ausrichten.

Mit Neugier und Kreativität kann man auch als Technik-Laie eine Online-Konferenz ausrichten. Bei der Vorbereitung sollte man sich mit anderen Organisationen austauschen und kooperieren, dann geht vieles leichter. Man braucht ein „Headquarter“, von dem aus man die Konferenz steuert; das ist besser, als wenn alle im so genannten Home Office sitzen. Ohne Generalprobe sollte man die Konferenz nicht beginnen, alle Abläufe müssen gründlich durchgespielt werden, bevor es losgeht.

 

2 - Welche Herausforderungen müssen bewältigt werden, damit Ehrenamtliche und Organisationen die Chancen der Digitalisierung nutzen können? Welche Lösungsansätze gibt es?

Wir untersuchen in unserem Projekt einige der zentralen Herausforderungen. Dazu gehört die Frage nach digitaler Kompetenz, d. h., die Frage, wieviel der oder die Einzelne eigentlich wissen muss, um ein souveränes Verhältnis zum digitalen Wandel mit seinen Risiken und Chancen zu gewinnen.

Welche Rolle spielt das Digitale für die Arbeit der Organisation?

Zweitens muss die Frage nach der Bedeutung der Digitalisierung für die Fortentwicklung meiner Organisation geklärt werden. Welche Rolle spielt das Digitale für die Arbeit der Organisation? Welche Zuständigkeiten legen wir fest? Wie bekommen wir digitale Souveränität als „Haltung“ in unsere Organisation? Zu diesen Fragen erarbeiten wir in einem umfassenden Partizipationsprozess Antworten und Lösungsansätze. Was jetzt schon fest steht: Wir brauchen viel mehr Beratungs- und Fortbildungsangebote als bislang vorhanden.

 

3 - Wo liegt das größte Potenzial der Digitalisierung für Vereine und die Zivilgesellschaft? Was wird über-, was wird unterschätzt?

Das größte Potential liegt meines Erachtens im Ausbau der Beziehungen zwischen einer Organisation und ihren freiwillig Engagierten. Das Freiwilligenmanagement, also die Gewinnung und Bindung von Engagierten, ihre Koordination und die Kommunikation mit ihnen, kann mit Hilfe digitaler Hilfsmittel entscheidend verbessert werden.

Zu erwarten, dass allein durch den Einsatz digitaler Tools die Welt irgendwie besser wird, ist naiv.

Die Betonung liegt aber eindeutig auf Hilfsmittel, d. h. die Fähigkeit von digitaler Hard- und Software, Aktivitäten und Prozesse zu unterstützen. Zu erwarten, dass allein durch den Einsatz digitaler Tools die Welt irgendwie besser wird, ist im Grunde naiv.

 

4 - Wie steht es um die Digitalisierung in der deutschen Zivilgesellschaft im europäischen Vergleich?

In der deutschen Zivilgesellschaft hat man die Entwicklung meiner Wahrnehmung nach erst relativ spät erkannt. Mittlerweile gilt das Thema aber als sehr wichtig, wobei der Austausch mit den anderen europäischen Zivilgesellschaften noch durchaus ausbaufähig ist. Das BBE versucht das über die immer wichtiger werdenden europäischen Netzwerke.

 

5 - Angenommen, Sie selbst würden mit Partnern in Frankreich ein deutsch-französisches Projekt zum Thema „Digitalisierung und Zivilgesellschaft“ durchführen: Wie könnte so etwas aussehen?

Das wäre eine hervorragende Möglichkeit, die deutsch-französische Partnerschaft auszubauen. Ich könnte mir vorstellen, dass man ein Veranstaltungsforum (analog und digital) für den systematischen Austausch von Erfahrungen aufbaut und dabei wechselnde Schwerpunktthemen wählt, z. B. den Umgang gemeinnütziger Organisationen mit demokratiefeindlichen und rassistischen Tendenzen ‒ ein Thema, das ja leider in Frankreich und Deutschland gleichermaßen wichtig geworden ist.


Serge Embacher, geboren 1965, lebt in Berlin. Er ist Politikwissenschaftler und Publizist. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Bürgergesellschaft und Demokratiepolitik. Er hat im Deutschen Bundestag als wissenschaftlicher Referent gearbeitet und sich dort vor allem mit den Themenfeldern Kulturpolitik, Bürgerschaftliches Engagement und Innenpolitik beschäftigt. 2010 koordinierte er für das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) und im Auftrag der Bundesregierung das Nationale Forum für Engagement und Partizipation.

Zurzeit leitet er für das BBE das Projekt Forum Digitalisierung und Engagement. Zahlreiche Vorträge, Publikationen und Expertisen zu Demokratie und Bürgergesellschaft, zuletzt: Recht auf Engagement. Plädoyers für die Bürgergesellschaft (zusammen mit Susanne Lang. Dietz Verlag, Bonn 2015. Seit 2009 ist er Lehrbeauftragter an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin) und an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin). Langjähriges politisches Engagement.

Buchveröffentlichungen (u. a.):

  • Recht auf Engagement. Plädoyers für die Bürgergesellschaft (zusammen mit Susanne Lang). Dietz Verlag, Bonn 2015.
  • Eine solidarische Bürgergesellschaft ist möglich! Aufsätze zu Demokratie und Engagement. VAS – Verlag für Akademische Schriften, Bad Homburg 2013.
  • Baustelle Demokratie. Die Bürgergesellschaft revolutioniert unser Land. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2012.
  • Demokratie! Nein Danke? Demokratieverdruss in Deutschland. Dietz-Verlag, Bonn 2009.
  • Lern- und Arbeitsbuch Bürgergesellschaft. Eine Einführung in zentrale bürgergesellschaftliche Gegenwarts- und Zukunftsfragen. Dietz-Verlag, Bonn 2008 (zusammen mit Susanne Lang).
  • Selbstverschuldete Unmündigkeit. Überlegungen zu den normativen Grundlagen einer Kritik der Öffentlichkeit (Dissertation). Online-Publikation hier, Berlin 2001.