Zwei Landkarten der sozialen Ungleichheit

03.08.2020

Welche Faktoren bestimmen, ob eine Region besser oder schlechter gestellt ist? Wie hängen soziale Ungleichheit und der Erfolg rechtsextremer Parteien zusammen? Und welches Potenzial steckt in Städtepartnerschaften? Philipp Fink und Hervé Le Bras geben Einblick in ihre deutsch-französische Forschung.

 

1 - Die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Fondation Jean Jaurès haben Anfang des Jahres gemeinsam die Studie „Räumlich-soziale Ungleichheiten in Deutschland und Frankreich“ veröffentlicht. Warum ist es wichtig, dieses Phänomen einer deutsch-französischen Perspektive aus zu betrachten?

Philipp Fink: Der Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland erlaubt es, das Phänomen der regionalen Ungleichheit aus der Perspektive von sehr unterschiedlichen politischen und administrativen Institutionen und Traditionen zu betrachten – also der Vergleich zwischen einem Zentralstaat und einem föderalen Staat.

 

2 - Was haben beide Länder gemeinsam, wo gibt es Unterschiede?

Hervé Le Bras: Auf den ersten Blick findet man in beiden Ländern ähnliche Gräben, die sich innerhalb der Ballungsräume und zwischen ländlichen Gebieten auftun. Einige Städte werden in Deutschland als „dynamisch“ bezeichnet bzw. schneiden in Frankreich bei einigen Indikatoren gut ab (v. a. Einkommen, junge Altersstruktur, Bildungsniveau der Arbeitnehmenden).

Ebenso kann man in beiden Ländern den ländlichen Raum in drei unterschiedliche Typen unterteilen: ostdeutsche Bundesländer sowie französische Gebiete im Nord-Osten und an der Mittelmeerküste sind demnach „in der Krise“, Süddeutschland sowie die Regionen Grand Est und Île-de-France sind „dynamisch“ und ein großer Teil liegt zwischen diesen beiden Extremen.

Wenn man etwas genauer hinsieht, erkennt man allerdings große Unterschiede: In Frankreich liegen die Krisen-Städte auch in Krisen-Gebieten; in Deutschland ist das nicht der Fall. Merkwürdigerweise sind die regionalen Unterschiede in einem zentralistischen Land wie Frankreich homogener verteilt – ist ein Gebiet betroffen, sind all seine Kommunen betroffen.

Philipp Fink: In Deutschland kann man erkennen, wie wichtig die Pfadabhängigkeiten sind – also die Folgen, die ein einzelnes Ereignis nach sich zieht und die sich über die Zeit verfestigt haben. Sei es die tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Transformation der Wende in Ostdeutschland; der Niedergang der Leder- und Montanindustrien in Westdeutschland; der Erfolg der mittelständisch geprägten Industrie in den eher ländlich geprägten Gegenden oder die Strahlkraft der dynamischen Wachstumsmetropolen mit ihren hochqualifizierten Dienstleistungen und innovationsstarken Exportindustrien.

Hervé Le Bras: Ein weiterer Unterschied ist die Analysetiefe: In Frankreich haben wir verschiedene Ebenen untersucht – Kommunen, Départements, große Gebiete, Metropolen, Speckgürtel. In Deutschland dagegen wurden die untersuchten Gebiete nur nach ihrer Lage unterteilt. Das führt zu verschiedenen Ergebnissen, denn die untersuchten Faktoren können sich je nach Analyseebene sehr unterscheiden.

 

3 - Wo und wie könnten Deutschland und Frankreich zusammenarbeiten, um soziale Ungleichheiten und ihre Ursachen zu bekämpfen? In Ihrer Studie kommen Sie unter anderem zu dem Schluss, lokale Ansätze seien dabei wirksamer als Zentralismus oder Gießkannenprinzip. Welche Rolle können Regional- und Städtepartnerschaften hier spielen?

Hervé Le Bras: Abgesehen von Partnerschaften zwischen Städten oder ländlichen Kommunen scheint es aber schwierig, Gebieten beider Länder zum Zusammenarbeiten zu bringen – aus zwei Gründen:

Der französische Zentralstaat lässt den Gebietskörperschaften kaum Gestaltungsspielraum, wohingegen die deutschen Bundesländer und Kreise mehr Freiheiten haben. Dementsprechend verfügen deutsche und französische Regionen nicht über die gleichen Mittel oder Steuereinnahmen: Die deutschen Gebietskörperschaften haben fast 10 Mal so viel Budget pro Einwohner zur Verfügung wie die französischen Kommunen. Das liegt einfach daran, dass die Aufteilung des Gebiets in Deutschland und Frankreich ganz anders gedacht ist: föderal in Deutschland, zentralisiert in Frankreich.

Und zweitens – das ist die Konsequenz aus der ersten Antwort: Welche Bundesländer, Regionen oder Städte sollten sich zusammenschließen? Ein deutsches „Krisen-Bundesland“ mit einer französischen „Krisen-Region“? Oder genau umgekehrt: Krisen-Gebiet plus dynamische Region? Das Gleiche gilt auch für Städte. Derzeit gilt bei Städtepartnerschaften eher „Gleich und gleich gesellt sich gern“ – zum Beispiel bei Blois und Weimar.

Es wäre sicherlich interessanter, wenn sich ein Gebiet in der Krise diesseits des Rheins mit einem dynamischen Gebiet jenseits des Rheins zusammenschließen würde. Aber wie würde man die dynamische Seite von dieser Kooperation überzeugen?

Philipp Fink: Ich sehe das ähnlich wie Hervé. Jenseits der unterschiedlichen administrativen Voraussetzungen sollten die Regel „Gleich mit Ungleich“ bei der Zusammenarbeit gelten. Denkbar wäre die bspw. Eine Zusammenarbeit von Regionen oder Städten, die einen harten Strukturwandel erfolgreich bewältigt haben, mit solchen Partnern, die Schwierigkeiten haben, die Transformation zu meistern. Was kann die Picardie von Südwestfalen lernen? Gibt es Erfahrungswerte aus dem Niedergang der Textilindustrie in Lyon, die für Trier oder Pirmasens von Bedeutung sein könnten?

Es sollte auch überlegt werden, ob nicht eine Zusammenarbeit entlang von Zukunftsthemen geschehen könnte. Die Etablierung einer Wasserstoffinfrastruktur und Ansätze zur Speicherung und Verwendung erneuerbaren Energien könnte ein solches Thema sein. Wie lassen sich daraus positive Effekte für die Beschäftigung und das Wachstum auf regionaler und lokaler Ebene erzielen?

 

4 - Ihre Studie zeigt auch: In Regionen, in denen die Faktoren für soziale Ungleichheit besonders ausgeprägt sind, geben Menschen tendenziell eher rechtsextremen Parteien ihre Stimme oder verlieren gar das Vertrauen in die Demokratie. Die Umverteilung finanzieller Ressourcen ist eine Maßnahme, um gegenzusteuern. Aber welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft für die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts?

Hervé Le Bras: Die wirtschaftlich schlechtere Lage bestimmter Gegenden ist keine Erklärung für die guten Wahlergebnisse rechtsextremer Parteien. Sie ist eher ein Symptom für tieferliegende Ursachen. In Frankreich wählen zum Beispiel Städte, die ärmer sind als gewisse ländliche Räume, weniger für den Rassemblement National (RN). Auch die Wähler*innen des RN bzw. der Alternative für Deutschland (AfD) unterscheiden sich: Ältere Personen in Deutschland wählen zum Beispiel überdurchschnittlich oft die AfD, wohingegen ältere Personen in Frankreich weniger für das RN stimmen als der Durchschnitt. Armut verstärkt die Tendenz, rechtsextreme Parteien zu wählen, aber sie ist nicht die Ursache.

Philipp Fink: Wie Hervé es richtig dargestellt hat: Es gibt keinen Automatismus zwischen Armut und der Unterstützung von rechtspopulistischen und rechtsextremen politischen Kräften. Die Wahlergebnisse der Bundestagswahlen aus 2017 und der Europawahlen 2019 in Deutschland machen das deutlich. Denn 2017 haben zwar Menschen aus armen Regionen in Deutschland für die AfD abgestimmt, aber auch viele Wähler im reichen Bayern und Baden-Württemberg. 2019 erzielte die AfD in Ostdeutschland hohe Wahlergebnisse.

Hervé Le Bras: Gemeinsamkeiten zwischen dem Wahlverhalten in den neuen Bundesländern und dem Nordosten bzw. der Mittelmeerküste Frankreichs lassen sich eher durch Veränderungen oder gar Umwälzungen des täglichen Lebens der Menschen erklären. Ostdeutsche Rentner*innen haben das Gefühl, nicht von der Wende profitiert zu haben. Die Bevölkerung im Nordosten bzw. an der Mittelmeerküste Frankreichs lebte in Ballungsräumen; mit dem Aufkommen des Autos hat sich ihre Gemeinschaft aufgelöst – man fing an, zur Arbeit zu pendeln, und gleichzeitig schlossen lokale Geschäfte; diejenigen, die eher verstreut in landwirtschaftlich geprägten Gebieten leben, haben dagegen davon profitiert.

Es gibt natürlich noch eine Vielzahl weiterer Faktoren, zum Beispiel die Entfernung der Orte von Metropolen und vor allem die Größe der Kommunen: Zwischen Paris und Orten mit weniger als 500 Einwohnern schnellen die Stimmen für den RN von 5 % auf 35 %. Man könnte mit einer weiteren Studie untersuchen, ob diese Faktoren auch bei der Wahl der AfD eine Rolle spielen.

Philipp Fink: Sozioökonomische Faktoren spielen sicherlich eine Rolle beim Erfolg der AfD, aber eine Resilienz oder Immunität scheint noch wichtiger zu sein. Das ist das Ergebnis einer starken Zivilgesellschaft vor Ort – unabhängig davon, ob die Gegend arm oder reich ist. Zu unseren zentralen Forderungen gehört es, eben jenes bürgerschaftliche Engagement zu fördern, das die Lebensqualität eines Ortes verbessert: Der soziale Ort muss gestärkt werden. Dazu gehört neben Vereinen und Initiativen, die den sozialen Austausch fördern und das Miteinander stärken, auch eine Sicherbarkeit des Gemeinwohls in Form von staatlichen und öffentlichen Institutionen. Hier geht es um die Bücherei, das Schwimmbad, die Busverbindung, das Gemeinde- und Jugendzentrum, die Kita, die Arztpraxis, aber auch um die Apotheke, den Dorfladen, die Post und die Dorfkneipe.


Philipp Fink leitet seit 2019 das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) für die Nordischen Länder in Stockholm. Zuvor war er als Referent in der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik für den Arbeitsbereich Nachhaltige Strukturpolitik in der FES in Berlin verantwortlich und hat u. a. die beiden Studien „Ungleiches Deutschland: Soziökonomischer Disparitätenbericht“ aus 2016 und 2019 veröffentlicht.

Hervé Le Bras ist Bevölkerungsforscher, Forschungsdirektor an der EHESS (Ecole des hautes études en sciences sociales) und emeritierter Wissenschaftler am INED (Institut national d’études démographiques); er ist spezialisiert auf Gesellschafts- und Bevölkerungsgechichte. Er absolvierte die Ecole Polytechnique und ist heute Lehrstuhlinhaber für Gebiete und Bevölkerung an der FMSH (Fondation maison des sciences de l’Homme) sowie Fellow des Churchill Colleges in Cambridge. Le Bras hat über 300 wissenschaftliche Beiträge und 30 Forschungswerke veröffentlicht.