Wie steht es um die deutsch-französische Zusammenarbeit beim Kampf gegen den Klimawandel?

15.10.2020

Motoren sind meist nicht besonders umweltfreundlich, aber der deutsch-französische könnte es sein – auch wenn die Zusammenarbeit hier noch am Anfang steht. Annika Joeres, Frankreich-Korrespondentin und Klimaexpertin, über Handlungsbedarf auf nationaler, aber auch individueller Ebene und die Herausforderung, den Kampf gegen den Klimawandel sozial gerecht zu gestalten.

 

1 - Sie haben mit Susanne Götze ein Buch geschrieben, das die Akteure und Strategien der europäischen „Klimaschmutzlobby“ untersucht. Wo haben Deutschland und Frankreich aus Ihrer Sicht den größten Handlungsbedarf?

Natürlich müssen beide Länder die Emissionen von Treibhausgasen senken, die auf der ganzen Welt die Klimakrise befeuern: Also die von intensivierter Landwirtschaft, von Verkehr, von Energie und schlecht gedämmten Gebäuden. Aber jedes Land hat sein eigenes Stiefkind beim Klimaschmutz: In Deutschland ist es der späte Kohleausstieg in 2038 – das kriegt Frankreich schon 2024 hin, auch weil es mehr auf die ebenso gefährliche Atomkraft setzte. Dafür hat Frankreich sehr viele Emissionen im Verkehr, die Zahl der großen Spritschlucker nimmt zu.

 

2 - Die Bundesregierung und die französische Regierung haben in der Coronakrise gezeigt, dass sie gemeinsam Initiative ergreifen und europäisches Handeln möglich machen können. Wie steht es um die deutsch-französische Zusammenarbeit beim Kampf gegen den Klimawandel?

Die Zusammenarbeit steht am Anfang – könnte aber extrem erfolgreich sein. Frankreich und Deutschland sind die größten Empfänger der Subventionen für die Landwirtschaft – da könnten sie doch gemeinsam bessere Modelle fördern, zum Beispiel die Agroforstwirtschaft, bei der etwa auf Getreidefeldern auch Walnuss – oder Obstbäume wachsen. Oder sie könnten sich gemeinsam für ein Werbeverbot für besonders klimaschädliche Produkte einsetzen, etwa SUVs oder Fleisch.

 

3 - Sie arbeiten seit Jahren als Korrespondentin für deutsche Medien in Frankreich und haben als solche u. a. die Gelbwesten im Jahr 2019 begleitet. Ausgelöst wurde diese Bewegung durch eine geplante Steuererhöhung auf Benzin und Diesel – also eigentlich eine Maßnahme für Umweltschutz, die aber insbesondere die Schwachen der Gesellschaft getroffen hätte. Wie können Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit besser zusammengehen?

Die Klimakrise bedroht, wie auch Corona, zuallererst arme Menschen. Wohlhabende können sich teurere Nahrung in Dürrezeiten leisten, sie können umziehen, wenn es ungemütlich wird. Zweitens steigen mit dem Einkommen auch die klimaschädlichen Emissionen: Die reichsten 10 Prozent verursachen 50 Prozent der weltweiten Treibhausgase. Deswegen müssten Vermögende sehr hohe Steuern zahlen, für ihre schweren Autos, großen Wohnungen, Kreuzfahrten – und schlecht bezahlte Menschen deutlich weniger oder gar keine Steuern, etwa für lebensnotwendige Produkte wie Obst und Gemüse.

 

4 - Was tun Sie selbst im Alltag, um umweltfreundlicher zu leben – und wie viel Einfluss hat unser individuelles Verhalten wirklich?

Ich habe kein Auto, fliege nicht, esse kein Fleisch und produziere mit meiner Familie Gemüse und auch ein paar Kilo Weizen. Ich trage abgelegte Kleidung von Freundinnen. Ich hatte aber noch nie Spaß am shoppen. Mein Makel: Viel Internet-Traffic für die Arbeit, eine häufig unterschätze Quelle von CO2.

Natürlich hat jeder großen Einfluss: Wenn heute niemand mehr das Auto nimmt, ist Exxon Mobile, einer der größten Verschmutzer, morgen Geschichte. Aber da dies unrealistisch ist, brauchen wir Regierungen, die große, klimaschädliche Industrien beschränken und progressive Unternehmen fördern. Und zwar jetzt.


Annika Joeres arbeitet in Frankreich als Klimareporterin für die gemeinnützige Recherche-Redaktion correctiv.org und als Autorin für die ZEIT. In diesem Sommer hat sie mit ihrer Kollegin Susanne Götze das europaweit recherchierte Buch „Die Klimaschmutz-Lobby“ (Piper Verlag) herausgebracht.