„Städtepartnerschaften haben die deutsch-französischen Beziehungen demokratisiert“

22.05.2020

Woher kommen Städtepartnerschaften eigentlich? Welche Erfolge können sie verzeichnen? Und wie steht es um diese ganz besonderen Beziehungen im Hinblick auf den Brexit oder außerhalb von Europa?

Erklärungen von der Historikerin Corine Defrance.

 

1 - Sie sind Mitautorin des Buches Städtepartnerschaften in Europa im 20. Jahrhundert, das gerade bei Wallstein erschienen ist. Welche Entstehungsgeschichte steckt dahinter?

Mit Tanja Herrmann und Pia Nordblom von der Universität Mainz haben wir Forscher*innen verschiedener Fachrichtungen zusammengebracht, um „von unten“ über internationale Beziehungen nachzudenken. Städtepartnerschaften spiegeln manchmal die Beziehungen zwischen Staaten wider, aber auch Städte haben unterschiedliche Interessen. Die Kontaktpflege mit Partnerstädten ermöglicht ihnen die Bestätigung ihrer Identität. Städtepartnerschaften, die sich vor allem nach 1945 im Westen und Osten des Kontinents und dann im Herzen des geteilten Europas entwickelten, existierten schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Damals galten sie manchmal als Ausdruck einer zweifelhaften Solidarität. Wir wollten zeigen, wie sie nach 1945 neu erfunden wurden und wie sie zur Herausbildung eines Europas der Bürger*innen beitragen.

 

2 - Sie haben die deutsch-französischen Beziehungen in den meisten Ihrer Werke analysiert. Inwiefern ist es dank der Städtepartnerschaften gelungen, ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Ländern nach 1945 aufzubauen?

Nach den Gewalterfahrungen des Krieges war das Nachbarland verhasst. Es waren oft ehemalige Widerstandskämpfer*innen oder Gefangene, die aus dieser Sackgasse herauskommen und die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen wollten. Die Städtepartnerschaften haben die deutsch-französischen Beziehungen demokratisiert. Denn der Austausch auf lokaler Ebene nahm zu, unabhängig von Alter, sozioprofessioneller oder kultureller Zugehörigkeit. Man musste die Nachbarn kennenlernen, um den Beziehungen menschliche Stärke zu verleihen.

 

3 - Inwiefern können Städtepartnerschaften das Zugehörigkeitsgefühl europäischer Bürger*innen oder vor den Toren der EU verstärken?

Seit den 1950er Jahren haben Städtepartnerschaften die europäische Einigung vorbereitet und begleitet. Nach dem Ende des Kalten Krieges haben dank der Städtepartnerschaften tausende Menschen diese Länder kennengelernt. Heute liegt ihre Bedeutung auf lokaler Ebene. Man trifft nicht nur Menschen aus Polen, Lettland oder Albanien, sondern vielmehr Bewohner*innen einer einzelnen Gemeinde. Das macht den Erfahrungsaustausch und die Wahrnehmung von Europa intensiver.

 

4 - Wie denken Sie, ein paar Wochen nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, wird sich der Brexit auf die britisch-französischen oder britisch-deutschen Beziehungen auswirken?

Der Brexit hat Spuren hinterlassen. Die Rolle von Städtepartnerschaften ist wichtiger denn je, wenn es darum geht, Verbindungen aufrechtzuerhalten, Missverständnisse auszuräumen, wirtschaftliche Zusammenarbeit aufzubauen oder Herausforderungen wie Umwelt- und Klimafragen, künstliche Intelligenz zu thematisieren. Die britische Regierung will im Zuge des Brexits Städtepartnerschaften wiederbeleben und versicherte uns, dass diese Freundschaft durch nichts erschüttert wird. Einige Städtepartnerschaften wurden mit EU-Finanzmitteln gefördert. Wie soll das in Zukunft aussehen? Es müssen zweifellos neue Mittel und Wege gefunden werden.

 

5 - Wie entwickeln sich deutsche und französische Städtepartnerschaften mit Städten außerhalb Europas?

Nachdem sie zur Entwicklung der Nord-Süd-Beziehungen beigetragen haben, sind sie heute Instrumente der Städte im Rahmen der Globalisierung. Das ist ein Vorteil, denn die Gebietskörperschaften knüpfen Kontakte zu Partnern in aller Welt. Aber das birgt auch die Gefahr einer Entfremdung der Partnerschaft vom Bürger und einer Marginalisierung menschlicher Beziehungen zugunsten internationaler Stadtpolitik. Diese häufig erst in jüngster Zeit entstandenen außereuropäischen Städtepartnerschaften können nicht auf diese lange Tradition von Begegnungen zurückblicken, die in Europa emotional stark bleibt. Man muss also eine Balance zwischen der Städtepartnerschaft als Instrument der Institutionen, Verwaltung und Politik und dem Ort der Begegnungen, der allen offensteht, finden.

 

Redaktion: Elise Benon (DFJW)


Corine Defrance ist Professorin für Zeitgeschichte und Forschungsleiterin am französischen Forschungszentrum CNRS (Sirice) und lehrt an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne. Sie ist Mitherausgeberin des Sammelbandes "Städtepartnerschaften in Europa im 20. Jahrhundert".