Ehrenamt hoch 3 ...

01.10.2021

... plus Vollzeitjob plus Privatleben. Ist gleich? Ein prall gefülltes Leben voller „Franco-allemand“. Jean-Michel Prats, Generalsekretär der FAFA, über seine Work-Life-Balance, die Zukunft der Städtepartnerschaften und die Kulissen des 65. Kongresses der FAFA.

 

1 - Sie engagieren sich ehrenamtlich als Präsident eines Städtepartnerschaftskomitees, als Präsident der Deutsch-französischen Gesellschaften in Île-de-France und als Generalsekretär der FAFA (Vereinigung deutsch-französischer Gesellschaften in Frankreich). Woher kommt Ihr Engagement für die deutsch-französische Freundschaft?

Das erste Mal bin ich am 8. Juli 1982 nach Deutschland gereist: Damals war ich leidenschaftlicher Fan der französischen Fußballmannschaft. Mein erster deutscher Korrespondent feuerte natürlich die „Mannschaft“ an. Unser erster Austausch begann mit der Niederlage Frankreichs gegen die BRD. Trotzdem hatte ich eine gute Zeit in Deutschland und bin bis ich 26 war immer wieder dorthin gefahren. Ich mochte die Stimmung und die Leute, die ich traf.

1989 habe ich eine Ausbildung bei einem deutschen Informatikhersteller gemacht. Ich dachte, so könnte ich auch beruflich nach Deutschland reisen, aber daraus wurde leider nichts.

Zwischen 1992 und 2007 hielt meine Zuneigung zu Deutschland an – ohne dass ich sagen könnte, warum. Und ohne, dass ich noch mal hingefahren wäre.

2007 entdeckte ich zufällig, dass die Städtepartnerschaft Chesnay-Heppenheim eine Reise zum Weinfest in der Partnerstadt organisierte. Meine Frau und ich beschlossen, hinzufahren.

So habe ich dort weitergemacht, wo ich in meiner Jugend aufgehört habe und seitdem ist kein Ende in Sicht.

Ich begann, mich im Städtepartnerschaftsverein zu engagieren und die Buchhaltung zu übernehmen. 2008 fragte mich die Präsidentin, ob ich ihre Nachfolge antreten wolle. Ich war zunächst Vizepräsident, dann ab 2009 Präsident. Mehrere Jahre lang habe ich mit meiner Familie in Heppenheim Urlaub gemacht, dabei die Menschen gut kennengelernt und enge Freundschaften geknüpft.

Seitdem engagiere ich mich für das „Franco-allemand“ auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene.

jumelage-chesnay-heppenheim
Treffen der Städtepartnerschaften Chesnay-Rocquencourt & Heppenheim

 

2 - Zusätzlich zu Ihren 3 Ehrenämtern sind Sie Projektleiter für Finanzierungen bei der Industrie- und Handelskammer der Region Île-de-France. Wie schaffen Sie es, zwischen 3 Ehrenämtern, einem Vollzeitjob und Ihrem Privatleben zu jonglieren?

Der grenzüberschreitende Charakter meines Engagements – für die deutsch-französischen Beziehungen im Dienste Europas –, ist keineswegs kompliziert. Ich würde eher sagen, dass ich mich dadurch voll und ganz auf eine Sache konzentriere, statt mich mit verschiedenen Hobbys zu verzetteln.

Eigentlich organisiere ich meinen Beruf, mein Engagement und mein Privatleben ganz einfach: wie Projektmanagement für ein Projekt mit vielen Facetten.

Die Bereiche, um die ich mich in meinem Beruf kümmere, finden sich auch in meinem Ehrenamt wieder: Ich verantworte die IT-Ausstattung; halte, organisiere und plane Fortbildungen; verwalte Fördermittel und manage komplexe Finanzierungsprojekte.

Mein Beruf und mein Ehrenamt erfordern die gleichen Kompetenzen: Immer wenn ich auf der einen Seite etwas dazulerne, kommt es auch der anderen zugute.

Nicht zuletzt habe ich durch das Ehrenamt auch ganz außergewöhnliche Menschen kennengelernt.

Tagsüber bin ich mit meinem Beruf beschäftigt, abends und teilweise auch am Wochenende mit meinem Ehrenamt. Wenn möglich, versuche ich, mir am Wochenende einen Tag für meine Familie freizuhalten. Manchmal kommt es aber auch zu Spannungen oder Konflikten, wenn mein deutsch-französisches Engagement für Familie und Freunde zu viel wird.

 

3 - Derzeit ist Ihre größte Baustelle das 65. Deutsch-französische Treffen der FAFA: eine Veranstaltung mit 350 Teilnehmenden und 70 Ausstellenden, 4 Tage lang, vor Ort und online … Wie schafft man es, so ein Riesenprojekt rein ehrenamtlich umzusetzen?

Am besten managt man so ein Projekt, indem man es professionell angeht und die Ehrenamtlichen in ihren Aufgaben begleitet. Glücklicherweise konnte ich in meinem Beruf viel Erfahrung mit komplexen Projekten sammeln, die ich jetzt auch bei der Organisation des 65. Kongresses der FAFA einbringe.

Seit dem 19. Januar 2019 arbeiten wir bereits daran und aufgrund der Coronakrise mussten wir das Treffen zweimal verschieben – mit jedem Mal wurde das Konzept ein Stück umfangreicher.

Das Kongress-Projekt ist so groß, dass wir es in Unterprojekte unterteilt haben, für die wiederum jeweils eine Person verantwortlich ist.

Ich bin für die nationale Koordination zuständig und Jean-Artistide Brument für die Koordination in der Bretagne. Gemeinsam mit unserem nationalen Schatzmeister kümmern wir uns um die globale Organisation des Kongresses.

Ich schätze, dass ich etwa 10 bis 15 Stunden pro Woche für den Kongress arbeite – jetzt, wenige Tage vorher bestimmt noch viel mehr.

Ich tausche mich viel mit den Verantwortlichen der Unterprojekte aus. In jedem Team sind zwischen 10 und 40 Freiwillige – insgesamt arbeiten heute 40 Personen an dem Kongress, wenn man das Organisationskomitee, die Projektverantwortlichen und die Freiwilligen in den verschiedenen Workshops zusammenzählt.

Ehrenamtliches Projektmanagement, das bedeutet heute:

  • Professionell arbeiten. Deswegen bieten wir bei der FAFA Fortbildungen für unsere Mitglieder an.
  • Sich mit seinen Kolleg*innen austauschen.
  • Freiwillige allen Alters, aus verschiedenen Fachrichtungen und mit unterschiedlichem Erfahrungsstand auf Augenhöhe managen.

 

4 - Mit der Veranstaltung möchten Sie die deutsch-französische Zusammenarbeit „neu erfinden“. Warum ist das notwendig und was verstehen Sie darunter?

Viele Städtepartnerschaften berufen sich auf den Elysee-Vertrag. 1963 war es enorm wichtig, die Freundschaft zwischen Menschen in Deutschland und Frankreich anzustoßen, Austausche zwischen der Bevölkerung ins Rollen zu bringen. In den 60er Jahren waren Reisen ins Ausland noch nicht selbstverständlich. Viele Städtepartnerschaften sind in den 70er und 80er Jahren entstanden; sie waren sehr lebendig und konnten oft auf die Unterstützung der Bürgermeister*innen zählen.

2021 ist die Lage der Städtepartnerschaften eine andere. Bis auf wenige Ausnahmen sind die meisten Menschen über 60 und man findet nur wenige junge Menschen. Reisen nach Deutschland stoßen nicht mehr auf so hohes Interesse wie früher und es ist sehr einfach geworden, mal eben für ein Wochenende ins Ausland zu fahren.

Deswegen müssen sich unsere Städtepartnerschaften und Vereine erneuern. Der Aachener Vertrag hat neue Möglichkeiten für Zusammenarbeit geschaffen. Um neue Mitglieder zu gewinnen, müssen Städtepartnerschaften nicht nur Sprachkurse, kulturelle Aktivitäten oder Reisen anbieten, sondern etwa auch Partnerschaften mit anderen Organisationen eingehen.

Städtepartnerschaftskomitees müssen sich trauen, Projekte zu organisieren, die themen- und generationsübergreifend sind.

Der Kongress von FAFA und VDFG soll den Weg dafür ebnen. Wir laden die ganze große Familie des Franco-allemand ein und ermutigen dazu, ungewöhnliche Partnerschaften einzugehen. Wirtschaft, Universitäten und Vereine müssen zusammenarbeiten, um nicht unterzugehen.

Es liegt an uns, die deutsch-französischen Beziehungen von morgen zu formen. Dafür setzt sich die FAFA gemeinsam mit dem Bürgerfonds ein.

 

___________

Gemeinsam mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk organisiert der Bürgerfonds eine Tagung für Städte- und Regionalpartnerschaften: vom 3.-5. Dezember 2021 in Le Havre (Normandie).

Anmeldeschluss ist der 18. Oktober 2021. Mehr erfahren.

 


Jean-Michel Prats ist seit 30 Jahren bei der Industrie- und Handelskammer der Region Île-de-France tätig, aktuell als Projektleiter für Finanzierungen. Ehrenamtlich engagiert er sich seit über 13 Jahren im „Franco-allemand“: als Präsident eines Städtepartnerschaftskomitees, als Präsident der Deutsch-französischen Gesellschaften in Île-de-France und als Generalsekretär der FAFA (Vereinigung deutsch-französischer Gesellschaften in Frankreich).

Die FAFA (Fédération des associations franco-allemandes pour l'Europe) ist ein enger Partner des Deutsch-Französischen Bürgerfonds: Antje Aubert, Mitglied der FAFA, ist als Regionale Beraterin für den Bürgerfonds in der Region Auvergne-Rhône-Alpes tätig. Vom 14.-17. Oktober 2021 organisiert die FAFA, unterstützt vom Bürgerfonds, ihren 65. Kongress in Saint-Brieuc (Bretagne).