„Das Große im Kleinen leben und fördern“

29.01.2021

Gastbeitrag von Benjamin Kurc, Leiter des Bürgerfonds, für die „Europa-Nachrichten“ des Bundesnetzwerks für Bürgerschaftliches Engagement (BBE).
 

Die deutsch-französische Freundschaft ist das gelungene Zusammenspiel aus politischen Weichenstellungen und bürgerschaftlichem Engagement. Und sie ist keine Selbstverständlichkeit, wie der Blick in die Vergangenheit zeigt. Der Blick auf die Arbeit des Bürgerfonds und seine Ambitionen für 2021 zeigt aber vor allem: Die einzigartige Beziehung zwischen Bürger*innen beider Länder ist widerstandsfähig, vielfältig und lebendig.

In der deutsch-französischen Welt hält der Jahresanfang stets einen Grund zum Feiern bereit: den Deutsch-Französischen Tag am 22. Januar. Für den erst im Frühling 2020 gegründeten Deutsch-Französischen Bürgerfonds war das Datum dieses Jahr außerdem eine Premiere: Zum ersten Mal konnte das neue Förderinstrument bürgerschaftliche Projekte rund um den 22. Januar anregen und fördern: Über 50 Aktionen zeugen von der Resilienz und der Kreativität, die Bürger*innen der Coronakrise entgegenstellen, sowie von den vielfältigen Unterstützungsmöglichkeiten, die der Bürgerfonds auch für Online- oder Hybridformate bietet. Die Aktionen zum #DFT2021 reichen von einer Online-Konferenz zur Gestaltung der Zukunft im Grenzgebiet über einen Live-Stream zu deutsch-französischer Pop-Musik bis hin zum Fachkräfteaustausch über die berufliche Eingliederung von Geflüchteten oder zu Leuchtinstallationen an öffentlichen Gebäuden zweier Partnerstädte.

Aber natürlich geht dieses Engagement weit über den Deutsch-Französischen Tag hinaus: Seit seinem Start und bis Ende 2020 konnte der Bürgerfonds über 100 Förderanträge bewilligen – und mehr als 150 sind bereits in den ersten Wochen des neuen Jahres eingegangen. Es gibt also tatsächlich Grund zu Feiern und guten Mutes in die Zukunft zu blicken.

Fortführung einer historischen Annäherung

Aber auch das ist wichtig: der Blick zurück. Denn nach der jahrhundertelangen Feindschaft, die Deutschland und Frankreich trennte, sind die heutigen engen Beziehungen beider Länder alles andere als selbstverständlich – auch, wenn eine große deutsche Tageszeitung kürzlich treffenderweise titelte: „Aus Erbfeinden sind längst Erbfreunde geworden.“

Diese Freundschaft beruht auf einem einzigartigen Beziehungsgeflecht, das sich zwischen den Regierungen und Parlamenten, in der Welt der Wirtschaft und auf zivilgesellschaftlicher Ebene entwickelt hat. Den Grundstein dafür legten 1963 Konrad Adenauer und Charles de Gaulle mit dem Elysee-Vertrag, der Geburtsurkunde des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW): Junge Menschen in Deutschland und Frankreich, die Nachkriegsgeneration, sollten das andere Land entdecken, einander kennen- und verstehen lernen, gemeinsam in die Zukunft und einem geeinten Europa entgegenblicken.

Der Bürgerfonds verfolgt genau das gleiche Ziel, aber spricht dabei sämtliche Akteur*innen der Zivilgesellschaft an: Viele Menschen, die die deutsch-französische Freundschaft mit Leben füllen, sind zwar nicht mehr „jung“, aber dafür umso engagierter und kreativer.

Warum also sollten Austausche und Begegnungen nur Jugendlichen unter 30 Jahren offenstehen, wie sie das DFJW seit Jahrzehnten erfolgreich fördert?

Wertschätzung und Unterstützung für jene, die bislang auf sich allein gestellt waren

Der Bürgerfonds gibt auf diese Frage eine ganz klare Antwort. Er gilt schon jetzt als „Leuchtturmprojekt“ des Aachener Vertrags, mit dem Angela Merkel und Emmanuel Macron 2019 die Zusammenarbeit beider Länder bekräftigten. Mit einem Jahresbudget von 2,4 Millionen Euro fördert er bürgerschaftliche Projekte, die Brücken über den Rhein schlagen.

Dabei richtet er sich etwa an Vereine, Stiftungen, Kulturzentren oder Bürgerinitiativen – also an all jene, die vor der Schaffung des Bürgerfonds durch die deutsch-französischen Fördernetze gefallen waren. Das gilt insbesondere für die rund 2.300 Städtepartnerschaften und deutsch-französischen Organisationen, die seit über 60 Jahren unverzichtbare Akteur*innen der bilateralen Beziehungen auf lokaler und regionaler Ebene sind.

Aber Ziel ist es auch, all diejenigen für deutsch-französisches Engagement zu begeistern, die bislang noch nicht als „Grenzgänger“ aktiv waren: Sportvereine, Kulturschaffende, Umweltaktivist*innen, die Freiwillige Feuerwehr oder Integrationsprojekte – der Austausch mit dem Nachbarland ist immer lohnenswert, und begleitet vom Team des Bürgerfonds oder einer*m seiner Regionalen Berater*innen viel leichter als gedacht.

Mit dem Bürgerfonds können all diese Menschen nun einen starken Partner an ihrer Seite wissen, der ihr Engagement wertschätzt und endlich auch finanziell unterstützt.

Ein Blick in die Zukunft

In diesem Sinne ist der Bürgerfonds ein wichtiger und wirksamer Hebel, der Engagement und grenzüberschreitende Verständigung fördert – beides brauchen wir in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Demokratieskepsis mehr denn je.

Der erfolgreiche Start unter schwierigen Bedingungen im letzten Jahr bestätigt uns darin, auch in 2021 unseren Überzeugungen treu zu bleiben, um gemeinsam mit Projektträgern – und allen, die es werden wollen – deutsch-französische Verbindungen zu schaffen:

Wir bleiben niedrigschwellig: Förderanträge werden beim Bürgerfonds einfach online gestellt – wer sich engagieren will, soll seine Energie in sein Projekt stecken können und nicht in Papierkram.

Wir setzen uns zum Ziel, den Spagat zu schaffen zwischen punktuellen, kleineren Aktionen und Projekten mit größerer Strahlkraft: zwischen Kochbuch mit Rezepten aus der Partnerstadt, deutsch-französischem Film- und Diskussionsabend, Tanz-Workshop, Online-Galerien, Plattformen, Dokufilmen oder Festivals – und, sobald sie wieder möglich sind, natürlich vor allem physischen Begegnungen.

Was zählt, ist, dass Menschen aus beiden Ländern sich austauschen. Die Grundvoraussetzung dafür ist da, wie eine jüngst erschienene Studie wieder einmal belegt: Franzosen und Deutsche mögen einander. Aber wie gut kennen sie sich wirklich, fernab von Klischees? Austausch und gemeinsame Projekte bieten die Gelegenheit, Gemeinsamkeiten zu finden und Unterschiede zu verstehen – unabdingbar für tiefe und langfristige Verbindungen zwischen Bürger*innen.

Wir behalten den Blick für das Wesentliche: Die großen Herausforderungen unserer Zeit kann kein Land alleine bewältigen – und auch nicht ohne seine Bürger*innen. Ohne seine Vielfalt an förderfähigen Themen einzuschränken, stellt der Bürgerfonds daher in 2021 mit zwei Projektausschreibungen insbesondere die Themen Umweltschutz und Demokratieförderung in den Mittelpunkt. Potenzial und Interesse sind vorhanden, das zeigen bereits geförderte Projekte:

  • Umwelt: Junge Journalistinnen produzieren einen deutsch-französischen Podcast zu Umweltfragen; Städtepartnerschaften diskutieren mit einem französischen Regisseur über nachhaltige Landwirtschaft; die Deutsch-französische Energiewendewoche findet dieses Jahr mit Unterstützung des Bürgerfonds statt und bald geht eine Webdoku über Landwirt*innen in der Uckermark und in der Provence online.
  • Demokratie: In der Grenzregion hat der Bürgerfonds bereits zwei Bürger*innen-Räte gefördert, bei denen Menschen aus Baden-Württemberg, dem Elsass und Rheinland-Pfalz über Lehren aus der Coronakrise und Zukunftsvisionen diskutieren; Sozialarbeiter*innen tauschen Best Practice Erfahrungen um Mitbestimmung im ländlichen Raum aus, aber auch zur beruflichen Eingliederung von Geflüchteten; und anderswo kommen deutsche und französische Koordinatoren einer Initiative zusammen, die „ganz normale“ Bürger*innen dabei unterstützt, Kunst- oder Forschungsprojekte in Auftrag zu geben.

Wir freuen uns sehr darauf, auch 2021 wieder dazu beizutragen, das Große im Kleinen zu leben und zu fördern: die deutsch-französische Freundschaft und eine starke, lebendige, engagierte Zivilgesellschaft.

Damit jeder Tag ein bisschen Deutsch-Französischer Tag ist.