Keine Angst vor Herausforderungen

16.12.2020

Wie gelingt generationsübergreifender Dialog? Wie verwandelt man eine Präsenz- in eine Onlineveranstaltung? Wie motiviert man Menschen ohne große Kenntnisse über Partnerland und -sprache für deutsch-französischen Begegnungen? Die Antworten (und ihr liebstes Weihnachtsrezept) verrät Sarah Neis, Regionale Beraterin für den Bürgerfonds, im Interview.

Zusammen mit Claire-Hélène Frileux, Regionale Beraterin für den Bürgerfonds in der Region Île de France, organisierte Sarah Neis einen deutsch-französischen Austausch für Engagierte im intergenerationellen Dialog unter dem Titel „Von 0 bis 99“, der vom Deutsch-Französischen Bürgerfonds gefördert wurde.

 

1 - Euer Projekt war eigentlich als Präsenzveranstaltung geplant. Wie klappte der Umstieg auf eine Digitalversion und worauf sollte man deiner Erfahrung nach dabei achten?

Wir wollten uns ursprünglich für vier Tage in Dresden treffen. Leider war aber Anfang November klar, dass wir kein Treffen in Präsenz organisieren können.

Uns war es dennoch wichtig, das Gespräch zum Thema intergenerationeller Dialog zu ermöglichen. Die Frage, wie ältere Menschen die Pandemie erleben, wird sowohl in Deutschland als auch in Frankreich aktuell diskutiert und es gibt auch eine Veränderung im Vergleich zum Frühjahr: Es wird bei diesem zweiten „Lockdown“ zum Beispiel mehr über die Risiken der Isolation gesprochen. Und das ist wiederum ein perfekter Anknüpfungspunkt für den intergenerationellen Dialog.

Für den Umstieg ins Digitale haben wir uns für ein Format von zwei mal zwei Stunden entschieden, mit zwei Tagen Pause dazwischen: Die Teilnehmenden haben im Vorfeld Beschreibungen ihrer Aktivitäten geschickt, die wir übersetzt und auf einem Padlet zur Verfügung gestellt haben. Wir haben außerdem auf einer Online-Plattform alle wichtigen Links und Materialien gesammelt. In der Pause zwischen den beiden Treffen blieb Zeit, sich die Materialien anzuschauen. So hatten wir während der Online-Konferenz genug Zeit für den direkten Austausch.

Wir haben außerdem die Gelegenheit genutzt, zwei spannende Expertinnen ins Boot zu holen. Das ist schließlich bei Online-Formaten einfacher als bei Präsenzveranstaltungen.

So hatten wir bei unserem ersten Treffen Mélissa Petit vom Netzwerk mixinggenerations zu Gast, die einen tollen Input gegeben hat. Bei unserem zweiten Treffen wird Ina Voelcker von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen dabei sein.

 

2 - Im Zentrum eures Workshop stand die Frage: „Wie gelingt generationsübergreifender Dialog?“ Warum ist es wichtig, dass die Gesellschaft Antworten darauf findet? Und welche Initiativen wurden in eurem Workshop besprochen, welche Ergebnisse kannst du weitergeben? Gab es Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich?

Der demographische Wandel in Deutschland und Frankreich führt dazu, dass die Gesellschaften sich verändern. Der Anteil der Personen über 60 Jahre steigt stetig an, der Anteil der jungen Menschen geht zurück. Gleichzeitig haben ältere Menschen oft weniger Anteil am kulturellen und gesellschaftlichen Leben. Einsamkeit im Alter zu verhindern und den intensiven Austausch zwischen Menschen verschiedener Generationen zu stärken sind Aufgaben, welche die deutsche und die französische Gesellschaft gemeinsam haben. Ich denke, dass der Deutsch-Französische Bürgerfonds eine gute Möglichkeit bietet, mit intergenerationellen Projekten an dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe mitzuarbeiten.

Der Austausch mit unseren Teilnehmenden hat mir dabei gezeigt, wie viele tolle Initiativen es bereits gibt, die das Zusammenleben der Generationen verbessern.

Wir hatten französische Teilnehmerinnen aus dem Bereich der Altenpflege, ein Theater, welches das Thema Intergenerationalität ins Programm integriert hat und sich explizit als Begegnungsort der Generationen versteht, verschiedene Kulturzentren und Mehrgenerationenhäuser, die Freizeitangebote für verschiedene Generationen anbieten.

Wichtig ist hierbei zu beachten, dass Senior*innen keine homogene Gruppe bilden.

Die Lebenssituation kann sich in Bezug auf die finanzielle Lage und die Autonomie grundlegend unterscheiden. Außerdem definieren Senior*innen sich häufig nicht über ihr Alter, sondern über ihre Interessen und Fähigkeiten. Es ist wichtig, dies bei der Planung von Projekten miteinzubeziehen.

In Teil zwei unseres Workshops geht es um konkrete Projektideen, die wir auf unserer Homepage zusammenfassen.

 

3 - Du bist Bildungsreferentin bei Europa Direkt e. V. in Sachsen. Aber seit einigen Monaten widmest einen Teil deiner Arbeitszeit dem Bürgerfonds, als Regionale Beraterin für Sachsen, Thüringen und Bayern. Kannst du eine erste Zwischenbilanz ziehen? Und wie lebendig ist das „Franco-allemand“ in diesen Gebieten, die hunderte Kilometer von der französischen Grenze entfernt liegen?

Grundsätzlich besteht eine große Neugier und Offenheit in Bezug auf Frankreich. Es stimmt natürlich, dass der Kontakt zu Frankreich vielleicht weniger „natürlich“ erscheint, als in grenznahen Regionen. Viele Menschen in Sachsen waren noch nie in Frankreich, Französischkenntnisse sind nicht so weit verbreitet.

Ich denke deswegen, dass es besonders wichtig ist, Projekte anzubieten, die niedrigschwellig sind.

Ein großer Pluspunkt ist meiner Ansicht nach im deutsch-französischen Bereich die Möglichkeit, die Projekte von interkulturell geschultem Personal begleiten zu lassen und Übersetzer*innen mit dabei zu haben. So kann man den Menschen die Angst nehmen, dass es mit der Kommunikation zu schwierig wird. Denn die Lust auf Austausch ist auf jeden Fall da!

Bei Online-Informationsveranstaltungen mit dem Institut Francais in Leipzig und Dresden habe ich die Finanzierungsmöglichkeiten des Deutsch-Französischen Bürgerfonds vorgestellt. Diese Formate wurden sehr gut aufgenommen und es gibt ja auch vor allem in den großen Städten ganz viel „Franco-Allemand“, das bereits stattfindet.

Wichtiger finde ich aber, auch jenseits der größeren Städte, wo zwar grundlegendes Interesse besteht, aber die deutsch-französischen Netzwerke nicht unbedingt bekannt sind, auf die Menschen zuzugehen, die noch nicht mit Frankreich arbeiten.

Hierfür fehlt allerdings im Moment das persönliche Gespräch. Es ist leichter, Menschen für etwas Neues zu begeistern, wenn man Sie persönlich trifft. Eine Fahrt nach Bautzen um einige Partner dort persönlich kennenzulernen habe ich zum Beispiel erstmal auf das nächste Jahr verschoben.

Ein weiterer Punkt ist, dass durch die Nähe zu Polen und Tschechien viele Kommunen und Vereine nicht so sehr an ein reines „franco-allemand“ denken, sondern Frankreich in einem größeren europäischen Kontext sehen. Diese europäische Perspektive ist aber meiner Meinung nach auch inhaltlich eine Chance für den Bürgerfonds, der explizit die europäische Gemeinschaft stärken will, auch wenn er derzeit noch keine trilateralen Projekte fördern kann.

 

4 - Auch wenn die Auswirkungen der Coronakrise auch vor der Vorweihnachtszeit nicht Halt machen, stecken die Wochen rund um Weihnachten doch voller Traditionen in Deutschland und Frankreich. Verrätst du uns deinen Lieblingsbrauch in beiden Ländern?

Ich bin ein großer Fan der Weihnachtsbäckerei in Deutschland. Allein für den Dresdner Christstollen – aber auch für die wunderbaren Schwibbögen und Herrnhuter Sterne – hat sich aus meiner Sicht der Zuzug nach Sachsen (ich bin gebürtige Wuppertalerin) gelohnt.

In Frankreich hat mir die Adventszeit ehrlich gesagt immer ein wenig gefehlt. Eine Tradition fällt mir aber ein: Ich war einmal zum zweiten Weihnachtstag in meiner französischen Gastfamilie und es wurden Schuhe unter den Baum gestellt, wie bei uns an Nikolaus. Weil mein Geschenk nicht in den Schuh passte stand dann einfach mein Schuh auf dem Paket, das fand ich super.

Übrigens: Zum Jahreswechsel planen wir einen Rezepteaustausch. Wer ein tolles Rezept hat, kann dies als Video schicken, wir werden es dann mit Untertiteln versehen nach Frankreich schicken. Und im Januar gibt es im Gegenzug Rezepte für die Galette des Rois. Das Jahr 2021 kann also kommen!


Sarah Neis hat im französischen Angers Literaturwissenschaften studiert und später in Frankreich im Bereich des deutsch-französischen Jugendaustauschs gearbeitet. Seit 2016 ist sie bei Europa Direkt e.V. in Dresden als Bildungsreferentin und Ausbilderin für interkulturelle Austauschprojekte tätig. Seit August 2020 ist sie Regionale Beraterin für den Deutsch-Französischen Bürgerfonds in Sachsen, Thüringen und Bayern.